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my home is my castle |
Steffi Jüngling
analog um die Welt
Reisetagebuch 9/2003 |
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1.9.2003 |
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Weiter mit dem Zug nach Plovdiv, wo ich in mein Zuhause
für die nächsten knapp 4 Wochen gebracht werde; es ist eine Art Heimatmuseum.
Das Bad ist in einem Wandschrank versteckt worden und alles wirkt ein
wenig wie eine Puppenstube.

Schrankbad
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6.9.2003 |
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Ich habe mich daran gewöhnt, dass die Bulgaren mit dem
Kopf schütteln, wenn sie ja sagen. Sie bewegen dabei den Kopf wie Marionetten
- der Kopf wackelt charmant hin und her. Ich habe mich auch an die Bedienungen
gewöhnt, die eigentlich Modells werden wollten und es genießen, zwischen
den Tischen zu stolzieren; die eigentlichen Tätigkeiten einer Bedienung
sehen sie allerdings als unwürdig an und so werden diese wie eine Gnade
gewährt. Zudem sprechen viele wenig Englisch oder Deutsch und so gab es
tagelang nur die Gerichte, meisstens verschiedenes Fleisch unterschiedlich
zubereitet, weil das Fleisch meisstens in Fotos abgebildet ist und man
so zumindest weiss, was man bekommt.
Gestern habe ich eine Postkarte mit Abbildungen von bulgarischen Spezialitäten
gekauft, quasi als Speisekarte zum Mitnehmen und deuten.
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9.9.2003 |
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Die Sprache bleibt ein Problem und ohne bulgarische Begleitung
auszugehen ein Abenteuer. Besonders wenn es ums Essen geht;
Oft gibt es nicht mal eine englische Speisekarte und so empfiehlt es sich,
Zettel und Stift mitzunehmen...
Wie als Nikos und ich essen gingen und uns in den Kopf
gesetzt hatten, gefullte Paprika und in Schinken gerollte Hähnchenstücke
zu essen, die uns am Vortag empfohlen worden waren.
Ich war also mit Zettel und Stift bewaffnet und die Bedienung holte zur
Vorsicht gleich ihre Kollegin, um gemeinsam unsere Wünsche interpretieren
zu können. Wir gackerten also, gestikulierten und zeichneten, was
das Zeug hielt und bekamen auch wirklich das Gewünschte, was aber
allesamt Beilagen und so ohne Hauptgericht waren. Als wir uns wegen nur
halb gefullter Magen über das Dessertangebot erkundigen wollten,
hatte unsere Kellnerin aber beschlossen, dass jetzt genug der Spielerei
sei und blieb standhaft bei zwei Angeboten, obwohl wir auf der Karte unter
Dessert vielmehr gesehen hatten.
Icecream/pasta(Kuchen) wiederholte sie immer wieder und ignorierte unseren
Versuch, Honig und Nusse zu bestellen, die uns auch empfohlen worden waren.
Als wir begannen, zu summen und die Geschichte von den Bienen und Blumen
zu gestikulieren, sah sie uns nur mitleidig an und wiederholte Icecream
und pasta.
Wir gaben auf, bestellten kein Desert und suchten eun anderes Cafe auf...mit
neuen Verständigungspartnern.
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11.9.2003 |
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Was mache ich eigentlich hier?
Dies ist wohl die klassische Frage jedes Reisenden.
Plovdiv ist also mein zuhause fur 4 Wochen, um hier als Künstlerin
zu arbeiten. Das Neue und Fremde wird vertraut, aus der Vielzahl von Wegen
werden Abkürzungen, es gibt Lieblingskneipen und einen "Stammbäcker.
Unsere Veranda ist allabendlicher Treffpunkt, zum Philosophieren
und "Messico" Spielen, das bei uns "Mäxchen" genannt wird.
Oft sucht man im Fremden Vertrautes, versucht sich im Vergleich zu orientieren.
Die Unterführungen, die den Fussgänger unter der Strasse hindurch
auf die andere Strassenseite führen, erinnern mich an Kassel. Doch
während diese in Kassel geruchsintensive Unorte sind, die meisten
Geschäfte geschlossen und verrammelt sind sie hier belebte, kleine
Shoppingmalls mit Schuhgeschäften, Kleidung, ein kleiner Laden nur
mir Haarpflegemitteln und der Boden und die Wände sind mit Marmor
verkleidet.

Überhaupt, jemand mit einer Espressomaschine benötigt
nur noch ein paar Stühle und Tische um ein Cafe zu eröffnen.
In manchen Hauseingängen sind kleine Regale angebracht und Toilettenartikel
werden verkauft. Auf den Plätzen in der Stadt stehen Elektroautos
für Kinder, die man gegen ein paar Lewa für eine Weile mieten
kann. Und in regelmässigen Abständen findet man einen Tante
Emma Laden, in dem man bis 10 Uhr nachts alles kaufen kann, was man zum
Leben benötigt, von der Zahnbürste, bis zur Fertigsuppe.
Hier stellt sich die (vielleicht typisch deutsche?) Frage, die ich als
Künstlerin allzu oft gestellt bekomme: Kann man davon leben? Se debrouller
ist das französische Wort für sich durchwursteln und das kann
wohl für die Situation vieler Bulgaren stehen, deren Mindestlohn
bei 100 Lewa liegt, umgerechnet 50 Euro und ein Architekt mit ca. 3 Jahren
Berufserfahrung verdient etwa 600 Lewa...
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12.9.2003 |
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Vor meinem Bett warten seit Tagen mehrere sich füllenden
Plastiktüten mit Wäsche, die darauf wartet, dass etwas mit ihr
passiert. Borjana, die Assistentin der Galerie und für uns Künstler
so etwas wie Schutzengel und Ratgeberin in allen Lebenslagen hatte uns
eine Wäscherei ihn der Stadt gezeigt, in der wir waschen lassen könnten.
No, we don't have laundries like in the American movies.
Ok, dachte ich, nachdem alles ja nicht allzu teuer ist hier, werde ich
mir das schon leisten können und machte mich mit meinen 3 Tüten
auf den Weg. Also, etwas unangenehm war es mir schon, die gesamte Wäsche
(von den nicht gerade wohlriechenden Turnschuhsocken bis zum Kapuzenpulli)
abzugeben, aber andererseits wollte ich ja auch nicht meine Wäsche
in meinem winzigen Waschbecken im Schrankbad waschen und die nasse Wasche
dann über das gesamte Heimat-museum zum Trocknen verteilen. Im Waschsalon
blickten die drei Grazien durch wimperngetuschte Augen in meine Tüten,
stülpten sie um und zählten meine Wäsche mit verständlich
gespitzten Fingern. Dann tippten sie auf ihrem Taschenrechner herum und
heraus kamen 70 Lewa, also 35 Euro.
Uff. Ich versuchte zu erklären, dass das meiste
ja keine Feinwäsche sei und ob sie mir nicht einfach einen Preis
fur eine Trommel Wäsche machen könnten, nur Waschen und Trocknen...aber,
wie erklärt man das nur in Gesten? Resigniert und mit meiner letzten
sauberen Hose am Leib liess ich meine Wäsche zurück und ging
in die Galerie, um Borjana um Rat zu fragen... Und wurde zuallererst einmal
geschimpft.
Steffi, if you have a problem, come first of all to me!
You have to buy a basin and wash by hand!

Waschtag
Gemeinsam mit ihr ging ich zurück in den Laden und
meine immer noch dreckige Wäsche war Gegenstand einer Verhandlung
auf Bulgarisch. Nach kurzem Wortwechsel wurden mir meine Tüten mit
der Wäsche über die Ladentheke gereicht. Nachdem Borjana die
Telefonnummer der Galerie zurückgelassen hatte - they will ask the
manager for a discount for you - verliessen wir den Laden mit meinen Wäschetüten.
Als wir gerade eben wieder in der Galerie angekommen waren, kam ein Anruf
der Wäscherei - wir bekommen 30% Discount. Ich trabte also wieder
zurück, allerdings nur mit einer Tüte, übergab diese den
Damen, die wieder zählten... und folgte den Instruktionen Borjanas:
Ich kaufte ein Bassin, Waschpulver und Wäschezwicker, und krempelte
auf der Veranda meine ärmel hoch, um meine Unterwäsche zu waschen.
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14.9.2003 |
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Batshkovski Monastir
Nach zwei Wochen Plovdiv, Stadt und Trubel steht ein
Ausflug in die Rhodopen an, in das Batschkovski Monastir, das zweitbedeutendste
Kloster Bulgariens. Der Rhodopi Busbahnhof in Plovdiv, von dem aus der
Bus in die Berge abfahert, erinnert an einen vergessenen Bauplatz, der
von den Bussen einfach eingenommen wurde. Die Fahrt geht durch die Schluchten
der Rhodopen und dann ist man da:
Eine Vielzahl von Ständen mit allerlei Kitsch, Mitbringsel, religiöse
Souvenirs, hausgemachte Marmeladen und Honig säumen den Weg zum Kloster.
An jedem zweiten Stand gibt es 'sprechende' Affen (anscheinend der Hit
der Saison), die pfeifen, lachen, dann 'I love you' sagen und in Affengekreische
ausbrechen...
Die letzten 100m vor dem Kloster sind unbespielt und
schnell fühlt man sich in eine andere Zeit versetzt. Das Kloster
erinnert an eine befestigte Burg und durch ein dunkles Gewölbe hindurch
gelangt man in den Klosterhof, wo man sich vor einem hohen, wilden Blumenbett
steht. Am Eingang der Klosterkirche herrscht dichtes Gedränge, und
der Voraum ist fast ausschliesslich von Kerzen beleuchtet. Die bemalten
Wände wirken speckig benutzt und im Kerzenlicht fällt es schwer,
sich auf eine Szene zu konzentrieren. In einer kleinen Bude verkaufen
zwei Fraün Bienenwachskerzen; der Duft erfüllt den gesamten
Raum und schafft eine heimelige Athmosphäre. Man wird so ganz eingenommen,
beeindruckt von, ja, von was eigentlich?
Spirituaität? Jedenfalls kam ich in eine besondere Stimmung und musste
an die Kirchen in Italien denken, die im Vergleich wie Museen wirken,
gegen diese Stimmungsfülle grossartige Meisterwerke, aber beinahe
sinnentleerte Orte.

Münzenwand
Die Besucher stauten sich im Vorraum vor dem Haupteingang
und so nahm ich den Nebeneingang in die Kirche. Gleich fällt auf,
wie anders man sich in anderen Kirchen bewegt, als Gläubiger und
als Tourist; in der orthodoxen Kirche scheint ein freierer, weniger strenger,
sondern persönlicherer Umgang mit dem Glauben zu herrschen. Der Besucher
wandert ungezwungener umher, zündet Kerzen an, tritt an einzelne
Ikonen heran, berührt sie und betet...
Der Stau im Haupteingang stellte sich innen als eine
Schlange vor einer Ikone heraus, deren Marienfigur bis auf das Gesicht
der Mutter und des Kindes in silber gefasst ist. Einzel wird zu der Ikone
auf ein Podest gestiegen, die Scheibe vor dem Bild wird berührt oder
geküsst. Auf dem Boden im Kirchenraum kniet eine kleine, alte Frau;
sie wirkt zerbrechlich. Erst als ich von hinten um sie herumgegangen bin,
kann ich hören, dass sie leise singt: ich muss dabei unwillkürlich
an das Maunzen einer kleinen Katze denken.Hier wird einem die Bedeutung
von Be-Rührung bewusst und dass eine Kirche auch eine Art "Gebrauchs-gegenstand"
sein kann. Was besonders auffält, ist dass die Kunstschätze
der Klosters nicht im herkömmlichen Sinne gepflegt werden, also als
Kunst geschätzt oder betrachtet werden, sondern als "Kultobjekte",
die keiner Pflege, oder etwa Konservierung bedürfen, sondern durch
ihre Haptik und Lebensnähe/ Berührbarkeit leben
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16.9.2003 |
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Die ganze Künstlercrew hat während der letzten
14 Tage bester bulgarischer Kost zugenommen. Dabei geht es leider nicht
in erster Linie um den geistigen Gewinn, sondern die nicht mehr vorhandene
"schlanke" Linie. Jetzt wurde einhellig beschlossen, einen "Belly Contest"
zu veranstalten. Am Ende unseres Programms wird nicht nur der grösste,
sondern auch der haptischste Bauch gekrönt. Gut im Rennen liegen
momentan Marcin, dicht gefolgt von Nikos. Der Preis wird ein gemeinsames
Abendessen sein, der Sieger wird zu einem "all you can eat" Mahl ausgeführt,
um sein Souvenir noch möglichst lange bei sich tragen zu können...
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19.9.2003 |
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In Bulgarien werden ausländische Filme im Originalton
gezeigt und nach ein paar Wochen ohne optische Berieselung hatte ich Lust
auf 'bewegte' Bilder. Gemeinsam mit Nikos wurde also ein Film ausgewählt,
'Bloody Sunday' und Sonja, die in ihren Sommerferien im Museum arbeitet,
beschloß, mit uns zu kommen. Sie kannte das Kino mit dem Namen Europe
nicht, fand aber heraus, dass es irgendwo am Messegelände sei. Am Messegelände,
auf dem zur Zeit keine Veranstaltung stattfand, fragte sie einen Wachmann
nach dem Weg; er öffnete uns den Schlagbaum und wies die Richtung an.
Wir liefen durch das verwaiste Messegelände in der Dämmerstunde, was für
sich genommen bereits eine Art von Filmplot war und kamen am beschriebenen
Gebäude 5 an, wo das Kino sein sollte.
Die Umgebung war leer und unbeleuchtet, zudem waren wir AUF dem Messegelände,
und dies war durch einen Zaun von der Strasse getrennt. Zurückgehen?
Über den Zaun klettern?
Schließlich fanden wir eine Stelle, an der wir unter dem Zaun durchkriechen
konnten (nicht sehr elegant). Auf der Strasse gab es ein Restaurant und
daneben einen Eingang, über dem es Kino auf Bulgarisch hiess. Es war eine
Art Büro und Tagungsgebäude und im ersten Stock brannte brannte Licht.
In einem vitrinenartigen Pförtnerhäuschen sass eine Frau und als sie uns
kommen sah, holte sie eine Schachtel mit Milka-Schokoladenherz-Aufdruck
aus dem Schrank.
Ich dachte schon, he, ich will doch gar keine Schokolade kaufen, als sie
die Schachtel öffnete: es war die Kinokasse, mit ein paar wenigen Banknoten
und Kinokarten.
Das Kino war ein Tagungssaal und wir waren die einzigen Gäste. Der irische
Dialekt im Film klang für unsere Ohren ebenso fremd wie die bulgarischen
Untertitel uns irritierten.
Als der Film vorbei war, ging das Licht nicht an und wir tasteten uns
aus dem dunklen Kinosaal. Sonja führte uns dann in einen 'English Pub',
der 'Tea for Two' hiess. Auf dem Schild vor dem Haus waren die beiden
Blues Brothers in einer Teetasse sitzend abgebildet.
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24.9.2003 |
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Was tut man als Künstler am Tage vor einer Ausstellungseröffnung
neben sich selbst und alle anderen verrückt machen?
Noch schnell zum Friseur gehen. Boriana begleitete mich zum Friseur, um
einen Termin auszumachen und zu übersetzen.
Ich wollte eine Tönung und für diese wurden wir von der Friseuse in einen
Laden nebenan geschickt, der nur Haarfärbemittel verkauft. Wir suchten
eine Tönung aus, mit der Boriana kurz in den Friseurladen lief, um sich
das ok der Friseuse zu holen und ein paar Stunden später sass ich auf
dem Frisierstuhl.
Hier merkte ich erst, was für eine Vertrauenssache es ist, in einem Land
zum Friseur zu gehen, in dem man die Landessparache überhaupt nicht spricht...Mit
einem entschlossenen Gesichtsausdruch wurden meine Ponyhaare um 5 cm mehr
gekürzt, als ich es eigentlich wollte, aber die Friseuese sah sehr zufrieden
aus, etwa wie ein Missionar nach der Bekehrung eines Heiden. In den Augen
der Bulgarinnen sah ich sicher eher entwicklungsbedürftig aus... Um mir
die 30 Minuten Wartezeit wegen der Tönung nicht allzu langweilig werden
zu lassen, suchte die Friseuse für mich das einzige englisch-sprachige
Magazin im Laden heraus: ein 1 Jahr altes Heft über Hairstyling.
In den 30 Minuten erfuhr ich alles über Trends, Makeover und 'How a hairstyle
changed my life!'. Beim Abendessen nach der Behandlung bewunderten alle
Bulgaren meinen neuen Haarschnitt...aber mein Leben hat sich durch ihn,
bislang noch nicht verändert.
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25.9.2003 |
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Ein knapper Monat Plovdiv endet mit einer Ausstellungeröffnung.
Geschäftiges Treiben und bei einigen Bulgaren Skepsis und Unverständnis
ob der teils seltsamen Wünsche von seiten der Künstler. Aber hilfsbereit
und gelassen wurde alles-just in time- erledigt, dann kommt das übliche
Programm: Reden, auf nüchternen Magen ein paar Gläser Wein trinken und
sich wundern, wie die Zeit vergangen ist...
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27.9.2003 |
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Die 'Werkzeuge' eines Reisenden sind Paß und Koffer.
Auf der Bahnfahrt von Hassfurt nach Plovdiv musste ich feststellen, dass
das Schloss meines 6 Monate alten Samsonite Koffers nicht mehr schliesst.
Nach kurzem Emailaustausch mit Samsonite sendete ich meinen Koffer mit
einer der Koordinatoren nach Sofia zur Reparatur. Am Abend der Ausstellungseröffnung
brachte Penka mir den Koffer wieder zurück nach Plovdiv und beim gemeinsamen
Versuch, ihn zu schliessen, klappte es wieder nicht...
Während ich also für ein Wochenende nach Thessaloniki fuhr, um meine Freundin
Maria zu treffen, reiste mein Koffer ein weiteres mal nach Sofia. In Thessaloniki
musste ich feststellen, dass mein 2. Reisepass mit dem ukrainischen und
russischen Visum, der zu meiner Freundin nach Athen gesendet werden sollte,
dort nicht angekommen ist. Diesen Pass benötigte ich allerdings spätestens
am kommenden Dienstag, um nämlich von Istanbul aus weiter nach Odessa
zu reisen. Glücklicherweise bin ich seltsam gelassen, auch wenn dazu vielleicht
kein wirklicher Grund besteht und ich eher beunruhigt sein sollte. Aber
für jedes Problem gibt es eine Lösung. Und vielleicht hat diese Gelassenheit
auch mehr mit Maria zu tun, denn das Wiedersehen mit einer alten Freundin
Maria nach knappen 1 1/2 Jahren, Spaziergänge am Meer entlang undsoweiter
können jeden Ärger abmildern. Zudem scheint Thessaloniki ein einziger
Club zu sein, mit unzähligen Bars und bequemen Sofas auf den Strassen.
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28.9.2003 |
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5 Cafes (FÜNF) an einem Tag besucht zu haben, und dann,
zum krönenden Abschluß des Tages noch ein festliches griechisches Mahl
zu sich zu nehmen, das mit einem Eis abgeschlossen wird...
mehr gibt es über diesen Tag wohl nicht zu schreiben...
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29.9.2003 |
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Über Nacht mit dem Bus zurück nach Plovdiv.
Ich komme um 6 Uhr morgens an; in unser Haus darf ich noch nicht gehen-erst
ab 9, da übers Wochenende die Alarmanlage angeschaltet wurde...und so
irre ich durch die morgendliche Stadt auf der Suche nach einem geöffneten
Cafe. Sogar der McDonalds ist noch geschlossen, aber in einer Seitenstrasse
finde ich ein Restaurant, das das geöffnet ist. In ihm treiben sich vor
allem die letzten Nachtschwärmen herum, Betrunkene, die ein letztes Bier
trinken wollen und Clubber, die die Nacht noch ein wenig verlängern möchten.
Einigermassen gestärkt mache ich mich auf den Weg, all meine Besorgungen
für einen letzten Tag in Plovdiv in Angriff zu nehmen. Um mein Gepäck
ein wenig zu erleichtern, aber auch um meinen Eltern ein paar bulgarische
Souvenirs zu senden, habe ich einen Karton vorbereitet, mit Rosenmarmelade,
Rhodopenkräutern, etc. Ich kaufe in der Post Packpapier und Faden
(für umgerechnet 15 Cent) und verpacke alles in der Post. Es gibt
ein Glas mit faszinierend eklige braunem Klebstoff, den ich grosszügig
verwende. Dann wende ich mich wieder an den Schalter. 33 Lewa, etwas mehr
als 15 Euro soll das Paket als Luftfracht kosten, 29 in der Normalpost.
Als ich nachdenklich werde, beginnt die dicke, gelangweilt wirkende Postbeamtin
mein Paket wieder auszupacken. Mit spitzen Fingern löst sie die geklebten
Stellen und trägt das Papier weg, in dem sie es weit von ihrem Körper
hält. Dann berachtet sie den Inhalt meines Päckchens, packt
alles aus. und verteilt es auf zwei Haufen. Ein Teil, die Souvenirs werden
in ein Päckchen gepackt und sie beschriftet einen Zollzettel. Danach
wird ein zweites Päckchen mit Papieren und Büchern gepackt.
Mein ursprünglicher Karton wird um die Hälfte gekonnt gekürzt.
Anschliessend werden beide Päckchen wieder in Packpapier verpackt
und mir wird befohlen, wo ich Absender und Adressat hinzuschreiben habe.
Schliesslich werde ich an den anderen Schalter geschickt und auf das Buch
und Papierpäckchen deutende werde ich angewiesen 'Knigi' zu sagen,
Bücher. Ich habe fünf Euro gespart und konnte dafür einer
Verpackungskünstlerin über die Schulter sehen - nicht schlecht.
Am Nachmittag kommen zunächst Wehmut und Abschiedsschmerz auf. Dann werde
ich so aufgeregt, dass ich Krämpfe in den Füssen bekomme. Das lenkt ab.
Ich packe meinen endgültig wieder schliessenden Koffer, und trinke noch
ein letztes Bier mit Georgi und Grischa, bevor ich mich in den Zug setze.
Ich habe ein Abteil im Schlafwagen für mich alleine. Der Zug fährt an
und ich öffne die mitgebrachte Flasche Zagorka, mein favorisiertes bulgarisches
Bier.
Alle Anspannung fällt von mir ab. 'Eine Reise beginnt nicht immer mit
einem Koffer' heisst es ganz zu Beginn in einem Stück von Robert Wilson
und dieser Ausspruch fällt mir ein. Ich halte die Nase in den Fahrtwind.
Dadang dadang dadang.
Es geht weiter gen Istanbul
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30.9.2003 |
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ISTANBUL
Vor knappen 20 Jahren war ich hier mit meinen Eltern gewesen. Der Bahnhof
wirkt kleinstädtisch. Die Taxifahrer bieten ihre Dienste an. Ich wechsle
Geld und rufe meinen unbekannten türkisschen Schutzengel an, Safak, bei
dem heute hoffentlich mein Pass aus Griechenland eintrifft. Ich nehme
ein Taxi in sein Fotostudio. Das Istanbul meiner Kindheit bestand aus
Basaren, Moscheen und Apfeltee.
Mein jetztiges Bild von Istanbul ist überlagert von Safak. Ich kam mir
ein wenig vor wie in Joseph Beys' Performance: I like Amerika and Amerika
likes me (oder heisst es im Tilel 'I love Amerika...'?) - wo er Amerika
besuchte, seine Zeit aber ausschliesslich im Flughafen und mit einem Koyoten
verbrachte.
Wir fuhren in ein Cafe am Borporus. Redeten, tranken Cafe und aßen.
Fuhren in die Stadt.
Tranken Tee. Sahen uns in seinem Studio seine Fotografien an.
Mein Pass kam auch rechtzeitig. Dann brachte er mich in den 200 m entfernten
Hafen.
Es war eine Stippvisite in einem fremden Leben.
Mein Schiff heisst Caledonian, es ist alt und tuckert wie ein unruhiger
Geist übers schwarze Meer von Istanbul nach Odessa und zurück. Ich betrachte
das Panorama Istanbuls, all die Sehenswürdigkeiten, die ich nicht besucht
habe diesmal. Es dauert Stunden bis das Schiff ablegt. Als es soweit ist
beginnt die Disko an Bord.
Sie spielen Sinatras 'New York, New York'...
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©2003
Steffi Jüngling |