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Bordfrühstück
Steffi Jüngling 
analog um die Welt
 
Reisetagebuch 10/2003 
 
 
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  1.10.2003  
 

Meine Zimmernachbarin Inga hat die ganze Nacht durch in der Discobar getanzt. Sie kommt vom Frühstück zurück und weckt mich, damit ich die Frühstückszeit nicht verpenne und geht ins Bett. Ich ziehe mich rasch an, aber bevor ich mich ans Frühstücken mache, muß ich erst mal an die frische Luft; ja, wir sind umgeben von Wasser.
Das schwarze Meer ist grau.

Mein Tisch trägt die Nummer 6 und ich bin einem Paar aus der Ukraine zugewiesen, das kaum Englisch spricht. Es gibt einen krümeligen Käsekuchen, schwarzen Tee mit Zitrone und 2 Spiegeleier mit 2 Scheiben Wurst. Auf dem Geschirr steht UKR Ferry. In Gedanken lese ich United Kingdom R Ferry.

Später suche ich mir einen Liegestuhl und verbringe den Vormittag auf Deck. Der Himmel klart auf, das Schiff tuckert wie zur Beruhigung und immer mehr Passagiere suchen sich ein Fleckchen in der Sonne. Eine Durchsage ruft zum Mittagessen aus; die Suppe wird am Tisch aus Porzellanschüsseln direkt auf den Teller geschöpft, das beeindruckt mich. Danach ist wieder Sonnenbaden bis zum Abendessen angesagt.
Nach weiteren 2 Stunden in der Discobar, treffe ich Inga (mit der ich keine Sprache gemeinsam habe) im Fernsehraum, in dem zwei Fernseher mir konkurrierenden Programmen auf engstem Raum stehen. Ein Bekannter von ihr spricht Englisch und ich werde auf ukrainischen Kognak eingeladen...und die Nacht wird lang.

  2.10.2003 nach oben 
 

Morgens beim frische Luft schnappen spricht mich ein ca. 45 jähriger, kleiner Mann an; er sei Ägypter usw., werde für einen Monat in der Ukraine reisen...er lachte offen und entblößte dabei seine braunen Zähne; dann fragt er mich, wo ich in Odessa wohnen werde. Als ich ihm sage, in einer Familie, meint er sofort, er würde mitkommen und man könne sich ja ein Zimmer teilen, das käme ja auch billiger...und er habe Postkarten aus Ägypten, die er mir zeigen wolle (die ägyptische Variante der Briefmarkenmasche, nehme ich an). Ich stutzte ihm die Salontigerkrallen ein wenig und vertrieb mir die Zeit bis zur Ankunft in Odessa mit Sonnenbaden und wurde später von meinen Trinkbrüdern vom Vorabend auf einen Willkommenstrunk in die Ukraine eingeladen. Andrej rief für mich bei meiner Gastfamilie an und arrangierte das sie mich vom Schiff abholen.

Endlich waren wir da und endlich ging es im Gedränge von Bord, um an der Paßkontrolle weiterzudrängeln und dann bekam ich eine Lektion in dem, was man wohl Verkörperung der Staatsmacht nennt.
Ich hatte mein Visum, ich hatte alle meine Unterlagen Mithilfe von Andrei ausgefüllt und wunderte mich, weswegen die Paßkontrolle so unendlich lange dauerten. Aber die Kontrolleurinnen kontrollierten die Pässe nicht, sondern suchten akribisch nach Fehlern oder Unzulänglichkeiten. Und mein Versäumnis war, daß ich keine Adresse meiner Gastfamilie hatte und somit keine angeben konnte; was sich als schweres Versäumnis herausstellte. Ich sollte anrufen. OK, tat ich mit meinem Mobiltelefon, aber ich sollte ja abgeholt werden, jemand stand also am Ausgang und so war keiner Zuhause, um abzuheben. So fragte ich naiv, welche Möglichkeiten es gäbe. Die Aufseherin der Kontrollen kam und erklärte: You need an address. Otherwise you go back to the ship and wait untill someone asks for you. (Nachdem ich bereits 40 Minuten an der Kontrolle gewartet hatte...
The other possibility is that you put some money in your passport and give it to the controller. The telephone number of the people you stay with is enough then. Do you have cash?
Ja, hatte ich, aber nur drei Dollar und drei 50 Euroscheine in meinem Geldbeutel und den Rest an Dollars in meinem Koffer...Die drei Dollar waren eindeutig zu wenig und 50 Euro eindeutig zu viel. Ich versuchte noch mal, zu verhandeln, von wegen, I do not have cash, only a couple of Dollars...the rest is in my suitecase...
How much?
Maybe 10 Dollars-
Und sie sagte: I think 20 Dollars would be all right...
Schließlichöffnete ich meinen Koffer, suchte das Geld und versuchte es mit einem Kompromiß: ich legte eine 10 Dollarnote und zwei 1-Dollarnoten in den Paß und konnte die Kontrolle passieren, übrigens ohne eine Telefonnummer oder irgend etwas zu hinterlassen.
Ich war verständlicherweise aufgewühlt ob der Willkür; bald stellte sich jedoch eine Art Amüsement ein, denn so wurde ein Klischee gegenüber den ehemaligen Ostblockländern bestätigt und ich dachte: aha, so läuft der Hase hier. Außerdem wurde ich danach derart von der Gastfreundschaft der Ukrainer überzeugt, daß diese Ouvertüre beinahe unwirklich erschien.

Ich kam ohne Probleme durch den Zoll und strebte immer noch leicht verwirrt, dem Ausgang zu, wo ich von zwei jungen Damen in Empfang genommen wurde. Eine war die Dame vom Reisebüro, die mir auch gleich das Ticket für die Weiterreise nach Kiew in die Hand drückte und Julia, die Tochter meiner Gastfamilie.. Die beiden kannten sich und hatten festgestellt, daß sie, eigentlich unabhängig voneinander heute eine Deutsche erwarteten...
Mit dem Taxi fuhren wir 'nachause' und kamen bereits auf der Fahrt ins Gespräch, wie alte Bekannte. Sie bot mir an, mir bei meinem Biblkiotheksprojekt zu helfen. Zuhause lernte ich ihre Mutter kennen und es gab eine Brotzeit...als Julia Zigaretten holen wollte, begleitete ich sie...um Odessiter Luft zu schnuppern, und auch, um mich ein wenig mehr zu verorten; ich fühlte mich in der kurzen Zeit allzu vertraut mit der Umgebung.
Wir gingen in einen Irish Pub und später in ein Literaturcafe, redeten über Bücher und 'Girlie Talk' und als ich spät nachts im Bett lag, fragte ich mich, ob ich wirklich in Odessa gelandet war.

  6.10.2003  nach oben 
 

Meine Tage in Odessa zu beschreiben fällt mir schwer. Meine Gastfamilie wurde sehr schnell zu 'meiner' Familie. Ihre Wohnung ist zentral in der Stadt gelegen und ich konnte überallhin zu Fuß gelangen. Ich besuchte einen atemberaubenden Fleischmarkt, auf dem in einer großen Halle auf Marmortheken große Fleischstücke verkauft wurden; Hunde und Katzen taumelten benommen an den Ständen entlang. Gleich nebenan wurden Milchprodukte verkauft, an manchen Ständen gab es nur wenig in Plastikflaschen gefüllte Milch zu kaufen...neben dem Fleisch sahen Milch, Eier und Käse seltsam beruhigend und unschuldig aus.

Ich sah mir eine ukrainische Oper an, in dem vor wenigen Jahren mit 12 Kilo Blattgold renovierten Opernhaus.

Ich war zum Essen in einen Plattenbau eingeladen worden, wo wir über Europa sowie den jüngsten Terroranschlag in Israel diskutierten und hatte mit meiner Gastmutter deren Datscha besucht, wo ich mir beim Essen der überreifen, süßen Trauben Durchfall eingefangen hatte. Ich konnte einen Satz meines Bibliotheksprojektes in einer kleinen Bibliothek anbringen...
...und dann saß ich plötzlich verwundert im Zug nach Kiew. Ich teile den Schlafwagen mit einer Mutter mit Tochter (die ich zunächst für Freundinnen gehalten hatte) und einem jungen Ukrainer. In den russischen Zügen werden die Geschlechter gemischt auf die Schlafwägen verteilt... eine Art blind date für eine, oder im Falle der Transsibirischen für mehrere Nächte.

  7.10.2003 nach oben 
 

Ein neuer Tag und ich wache etwa 500 km weiter nordöstlich auf.
Als ich meine Abteilnachbarn frage, wann wir etwa in Kiew ankommen würden, meinen diese, wir hätten noch etwa 40 Minuten Zeit. Ich ziehe mich an und habe keine Lust, auf die Toilette zu gehen, als der Zug in einen Bahnhof einfährt. Ich sehe einen blauen Zug, auf dem Moskau-Kiew stehe. Ich wundere mich ein wenig, aber nachdem meine Abteilgenossen keine Anstalten machen, sich fertigzumachen, bleibe ich ruhig sitzen, bis die Tochter hochfährt, und laut ruft: Mama-Kiew!
Ich packe meine Siebensachen in Windeseile und werde am Waggon gleich von Wladimir in Empfang genommen.

Gleich am Bahnhof wird einem der Unterschied zwischen Kiew und Odessa bewußt. Kiew, als die Hauptstadt der Ukraine ist deutlich repräsentativer herausgeputzt. Ja, und es ist deutlich kälter als am schwarzen Meer. Trotz des Sonnenscheins liegt Herbstgeruch in der Luft. Frühstück bei Wladimir Zuhause, am linken Ufer des Dnepr, wo ich seine Frau Natascha und den kleinen Sohn Jaruslaw kennenlerne. Danach fahren wir wieder auf die andere Seite der Stadt und ich stürze mich ins Sightseeing: Sophienkirche, Andreaskirche, Bulgakovs Geburtshaus. Alles erscheint strahlend und schick.

Ich entdecke kleine muffinartige Küchlein mit Rosinen, von denen ich ungehemmt drei Stück auf einmal verdrücke, um mich für weitere Abenteuer zu wappnen.

Ein wenig erinnert mich Kiew an Plovdiv. Die Altstadt liegt auf einem Hügel und die neuen sozialistischen Wohngebiete bilden einen Gürtel rund um die Altstadt, die mit ihren goldenen Kuppeln etwas unwirklich erscheint. In die Skyline der Altstadt hat sich die wechselvolle Geschichte der Ukraine ein nicht zu übersehendes Denkmal gesetzt: Mutter Heimat ist eine monumentale Titanplastik, die, von den Einheimischen ungeliebt an die sowjetische Vergangenheit erinnert. Der Abbau der Mutter Heimat ist für die Stadt momentan unerschwinglich (ähnlich wie für die Plovdiver die Demontage der überdimensionalen Plastik des russischen Soldaten Aljoscha, ebenfalls ein ungeliebtes Souvenir der Russen). Die Macht geht, aber die Monumente bleiben. Die Lenin und Stalindenkmäler in der Ukraine allerdings wurden entfernt, lediglich die Straßennamen, wie z.B. Leningrader Platz sind geblieben; oder vielleicht sollte man schreiben, zunächst sind sie geblieben.

Die Rolltreppen der U-Bahnen führen in atemberaubende Tiefen. Durchsagen warnen vor Pilzvergiftungen. In der U-Bahn sitze ich einem Mann gegenüber, dessen im Schoß gefaltete Hände mich an die Arbeiterhände der sozialistischen Skulpturen erinnern.

  8.10.2003 nach oben 
 

Kaffee und Torte mit der Direktorin der Kiever Stadtbibliothek, die immer mal wieder vergißt, daß es hier um ein Kunstprojekt geht und nicht um eine politische Werbeveranstaltung für ihre Bibliothek. Aber die Atmosphäre ist nett und dann kommt Olga, die Leiterin der Stadtteilbibliothek für Fremdsprachen, die gerade dabei ist, Deutsch zu lernen; es beginnt eine interessante Unterhaltung auf Deutsch, Englisch und mit der Übersetzung Wladimirs auf Russisch.
Abends Essen im Restaurant TARAS, wo eine Folksgruppe spielt und singt; hinter der Gruppe ist ein Fernseher angebracht, auf dem MTV ohne Ton läuft...

  9.10.2003 nach oben 
 

Die Zeit vergeht wie im Fluge. Heute ist der erste wirkliche Herbsttag mit Regen, Feuchtigkeit und grau in grau, was ziemlich gewöhnungs-bedürftig für mich ist. Ich fahre mit der U-Bahn in die Stadt und bereite alles für die Anbringung des Borges-Satzes in der Bibliothek vor. Dann fahre ich mit der U-Bahn zu der verabredeten U-Bahn Haltestelle, wo Olga mich erwartet und von wo aus wir gemeinsam den Marschroutka-Bus zur Bibliothek nehmen. In der Bibliothek werde ich von den Bibliotheksdamen erwartet, die, wie sich herausstellt, alle deutsch lernen und während ich "meinen "Borges-Satz anbringe muß ich jeden Gegenstand, den ich in die Hand nehme auf deutsch benennen. Später bekomme ich Butterbrote (was die Russen als 'Butterbrot' bezeichnen ist einfach ein Brot, ohne Butter), Tee und Honig. Während ich meine Dokumentationsfotos aufnehme, liest Olga den anderen Bibliotheks-angestellten die Geschichte von Borges auf Russisch vor...

Ich bin allerdings sehr nervös; am nächsten Tag werde ich weiter nach Moskau fahren und habe noch keine Unterkunft. Moskau soll sehr teuer sein und es ist angeblich nicht einfach, eine günstiges Bett zu finden... Ich setze alle Hebel in Bewegung, kann aber das Travellers Guest House nicht erreichen und rufe schließlich die Bekannte einer Bekannten an, um nach einem privaten Zimmer zu fragen. Sie will sich umhören und ich soll morgen wieder anrufen...

  10.10.2003 nach oben 
 

Neben der Reihe durchreister Orte, Wien, Budapest, Bukarest, Sofia, Plovdiv, Thessaloniki, Istanbul, Odessa, Kiev... gibt es die Reihe der Menschen, die ich kennen und schätzen gelernt habe und die meiner Reise die Würze gegeben haben, Georgi, Nikos, Borjana, Magda, Marcin, Valentina, Grischa, Safak, Julia, Tanja, Wladimir, Natasha, Jaruslaw...und schon geht es weiter.

Wladimir bringt mich gemeinsam mit der ganzen Familie zum Bahnhof; auf der Fahrt geraten wir in einen Stau, 800m vor dem Ziel. Aber da die Hoffnung ja zuletzt stirbt, denken wir, daß wir noch rechtzeitig ankommen und erst 15 Minuten vor der Abfahrt meines Zuges geben wir auf; Natascha und ich machen uns zu Fuß mit meinem Gepäck auf den Weg und schaffen es, daß ich 5 Minuten vor der Abfahrt des Zuges in meinem Abteil sitze und Wladimir kommt rennend bei der Abfahrt des Zuges noch auf den Bahnsteig, um Lebewohl zu sagen. Oder besser: Auf Wiedersehen-

Die ukrainischen Schlafwagenabteile sind wunderbar. Auf dem Tischchen liegt ein Tischtuch, Getränke und ein Teller mit Süsskrams. Für 8 Griwna, etwa einen Euro miete ich Bettwäsche. Ich teile das Abteil mit einem alten Mann. Er spricht mehr Deutsch als ich Russisch. Wir bestellen Tee; später trinken wir aus den gleichen Gläsern ein Bier. Am nächsten Tag bezahlt er alles ohne das ich es bemerke...


Tee und Bier

  11.10.2003 nach oben 
 

Obwohl ich Kekse zum Frühstücken dabei habe, besteht der alte Ukrainer darauf, daß ich drei Scheiben Brot und zwei dicke Scheiben Speck von ihm annehme. Wie kann man höflich ablehnen, wenn man eine Sprache nicht spricht? Er läßt mir keine Chance, und so stelle ich zu meiner Überraschung fest, daß der Speck (den ich sonst nie gegessen hätte...) SEHR gut schmeckt (und ich den Geschmack noch ein paar Tage in sehr guter Geschmackserinnerung habe).

Ja, und dann bin ich in Moskau.
Ich hatte am Tag zuvor noch eine Email mit der Adresse einer Dame (und genauester Wegbeschreibung) erhalten, die mich für meine Zeit in Moskau aufnehmen wird. Ich finde auf Anhieb zu ihr und bin verwirrt: Sie spricht sehr gut Französisch. Und da ich in Odessa Englisch, in Kiew Deutsch und jetzt Französisch spreche, fällt es mir schwer, mich zu 'verorten'. Wir trinken einen Tee und dann gehen wir zu Fuß zum Kreml, so nah wohnt Natasha am Stadtzentrum.
Unterwegs gehen wir ins Bolschoj Theater und kaufen Tickets fürs Ballett, "Don Quichote". Dann tigere ich alleine durch die Stadt, sehe mir die wirklich traumhaft schöne Basilius Kathedrale an, das Lenin Denkmal von außen und muß schließlich in ein westlich-globales Café flüchten, weil ich nicht fassen kann, wirklich in Moskau zu sein. In dieser internationalen Cafeathmosphäre, in der man auch vertrautes englisch-amerikanisches Gemurmel hört, verschnaufe und verarbeite ich.


U-Bahn

  12.10.2003 nach oben 
 

Eigentlich wollte ich das Gorki-Museum besuchen, verlief mich aber zunächst und als ich es fand, war es wegen Renovierung geschlossen... und so marschierte ich weiter zum Puschkin Museum, das Kunst aus allen Epochen bis hin zur klassischen Moderne unter seinem Dach vereint.
Ich war begeistert! Was für eine lustvolle Präsentation! Ich entdeckte besonders Matisse und Gauguin wieder, von denen ich fast vergessen hatte, wie beeindruckend die Bilder sind.

Und am Abend ins Bolschoi Theater. Das Ballett ist ein Augenschmaus, und es heißt ja immer, daß man dort viel über die Seele der Russen erfahren könne... Ja, und besonders im Kontrast, wenn man danach, ganz erhoben vom Spektakel auf die regennasse glänzende Strasse tritt... ein Land der Gegensätze...

  13.10.2003 nach oben 
 

Ich mache mich morgens auf den Weg ins 'Traveller's Guest House', in dem ich ja eigentlich auch unterkommen wollte, wo ich aber niemanden erreichen konnte. Es ist eine günstige Absteige, besonders für Rucksackreisende und dementsprechend legere eingerichtet.
Ich bin froh, bei Natasha zu wohnen, nehme meine Tickets in Empfang und als ich gerade gehen will, lerne ich eine australische Architektin kennen, die sich Gebäude des Modernismus ansehen möchte... wir kommen ins Gespräch und reden ohne Unterlaß, bis wir gegen Abend auseinandergehen und uns für den nächsten Tag verabreden, um gemeinsam den Kreml anzusehen. Zuhause bei Natasha stelle ich fest, daß ich nicht mal ihren Namen weiß...

  14.10.2003 nach oben 
 

Der Kreml.
Was habe ich mir darunter vorgestellt? Auf jeden Fall hatte ich nicht damit gerechnet, die Atmosphäre des 'Ostens' derart vermittelt zu bekommen... Meine Australierin war nicht zum verabredeten Ort gekommen und so war ich alleine in den Kreml gegangen. Sobald man das Kreml Gelände betritt werden die Schritte der Besucher mehr oder weniger sanft geleitet. Es ist klar vorgeschrieben, was man betreten darf und welche Räume zu besichtigen sind. Man erhält vor allem sehr schnell den Eindruck, daß es weitaus mehr gibt, daß man nicht betreten darf...

Als ich mir die erste der Kirchen ansah, kam Kris, die Australierin, deren Gesicht an dem Tag auch einen Namen bekam und wir erkundeten den Kreml gemeinsam.
Interessant ist die Reaktion der Aufsichten, auf unsere Fragen, warum man sich denn nicht den Facettensaal ansehen könne: Ja, das sei ein Regierungsgebäude und das einzige Interessante wären ja eh die Wandmalereien... Daß eben diese Wandmalereien in allen Reiseführern sowie auf allen Postkarten abgebildet sind und so um so mehr die Neugierde wecken, weil man sie nicht ansehen darf, verstand sie nicht.

Wir besuchten die Rüstkammer, wo die Schätze der Zaren aufbewahrt werden, wertvolle Gewänder, Kutschen und so weiter. Wir kamen auch am Zugang zu dem Diamantensaal vorbei, der extra kostet und besonders beeindruckend bewacht wird. Um die Diamanten zu sehen, betritt man eine Art überdimensionalen Safe. Danach sahen wir uns noch ein paar Gebäude und U-Bahneingänge an und gingen schließlich zu Abend essen.

  15.10.2003 nach oben 
 

Schon wieder packen, Geld abheben, Vorbereitungen für den Aufbruch treffen. Noch schnell in ein Internetcafe, doch alle Adressen aus den Reiseführern waren geschlossen und so endete ich in einem Hotel, in dessen Business-Center ich für 9 Dollar pro 15 Minuten meine Mails checken konnte...

Schließlich traf ich mich mit Kris im Museum der Revolution, das jetzt Museum für Zeitgeschichte heißt. Es ist frisch renoviert, doch statt wie erwartete eine Sammlung an Postern der Revolution zu sehen, gab es haufenweise Bilder und Erinnerungsstücke, leider waren alle Informationen ausschließlich auf Russisch, so daß wir uns die Geschichte Mithilfe unserer Reiseführer, der spärlichen Geschichts-kenntnisse und unserer Phantasie zusammenreimten. Von den erwarteten Postern gab es im Museum weniger, dafür um so mehr im hauseigenen Souvenir-Shop, der eher ein Antiquitätenhandel ist. Hier gab es Unmassen an Originalpostern und antikem Krimskrams.
Was uns besonders faszinierte, war ein kurzer Nebensatz in einem unserer Bücher... als die Nachrichten von der Front im zweiten Weltkrieg immer schlechter wurden, trauten sich die Generäle nicht, Stalin die Wahrheit über die katastrophalen Verluste zu sagen.

Abends machte ich mich auf den Weg zum Zug. Mit wem werde ich wohl mein Abteil teilen?

Ganz plötzlich möchte ich meine Ruhe haben und male mir irgendwelche schrecklichen Abteilnachbarn aus... und lerne in meinem Abteil Tanja und Olga kennen, Mutter und Tochter, die vom Urlaub zurück Nachhause nach Irkutsk fahren. Wir schließen uns auf Anhieb ins Herz und bereiten uns auf zwei Tage und Nächte gemeinsam Zugfahrt vor. Nebenan versucht ein Russe lautstark einen Ausländer zum gemeinsamen Wodkatrinken zu gewinnen, der wehrt aber ab, indem er immer wieder "I don't drink spirits, I only drink beer" wiederholt.

  16.10.2003 nach oben 
 

Am Tag darauf bekommen die Stimmen Gesichter und Namen. Essen wird geteilt, und was die Russen alles zum Essen dabei haben! Es ist einfach unglaublich und ihre Taschen gleichen unendlichen Füllhörnern. Ja, und den schlecht versorgten Ausländern muß man ja unter die Arme greifen! Wegen all der Orgien wird der Fußboden 2x am Tag von den Schaffnerinnen gesaugt, im Gang gibt es einen Samowar und so ist ständig für heißes Wasser für Tee oder Suppen gesorgt. Ich hatte mir extra eine Thermoskanne gekauft, Tanja hatte einen kleinen Plastikeimer als Teekanne dabei...


Zugfrühstück

  17.10.2003 nach oben 
 


Festmahl

Ein ganzer Tag im Zug. Aufwachen, Essen, Lachen, Reden, aus dem Fenster sehen; dies in verschiedenen Reihenfolgen und dann als Krönung: in Barabinsk am Bahnhof geräucherten Fisch und Bier kaufen.

An den Bahnhöfen entlang der Transsib gibt es immer, zumeist ältere Frauen, die am Bahnsteig Speisen und Getränke anbieten. Oftmals kriechen sie unter den Zügen hervor und bieten ihre Waren in den Händen haltend an.

Ich gehe mit Tanja auf den Bahnsteig in Barabinsk, um den Fisch zu kaufen, Tanja wählt fachkundig aus und dann gibt es bei uns im Abteil ein Festmahl.

  18.10.2003 nach oben 
 

Nur mit schwerem Herzen habe ich meine liebgewonnene mitreisende Familie verlassen und bin in Krasnojarsk ausgestiegen.
Zur Abwechslung bin ich in einem ehemals sozialistischen Hotel untergekommen, mit einer Art Conciergen auf jedem Stockwerk, die die Schlüssel und Gäste verwalten.

Im Fernsehen läuft eine Werbung für Bier: ein dicklicher Deutscher kämpft sich durch den Moskauer Dschungel. Er wird beim Fotografieren angerempelt, dann wird ihm jedes Taxi vor der Nase weggeschnappt. Als er resigniert in eine Bierbar gelangt, wird ihm ohne Aufforderung ein Bier gebracht. Er trinkt und sagt dann überrascht: "Das schmeckt ja gut!"

  19.10.2003 nach oben 
 

Um 12 Uhr nachts endlich im Zug und im Bett.
Um 12 Uhr mittags mußte ich aus dem Hotel auschecken. Im Hotel gibt es keine Gepäckaufbewahrung, wo ich meinen Koffer bis zu meiner Abfahrt lassen könnte, aber die Dame an der Rezeption bietet mir an, doch mein Zimmer noch für einen halben Tag länger zu zahlen und meinen Koffer dort zu lassen. Danke. Also machte ich mich auf den Weg zum Bahnhof.

Die Gepäckaufbewahrung stellt sich als ein windschiefes Häuschen heraus, das man besser als Schuppen bezeichnet. Und dann erfuhr ich auch noch, daß ich meinen Koffer bereits um 22h wieder abholen muß, da die Gepäckaufbewahrung dann schließt und erst wieder am kommenden Morgen um 7h öffnet (bzw. die Schuppentüre wieder aufgeschlossen wird), zu spät für meinen Zug. Wieder in der Stadt besuchte ich das kleine Literaturmuseum, und als bei mir eine mißmutige Stimmung aufkommt, verschreibe ich mir Shoppen.
Irgendwie wurde ich mit Krasnojarsk nicht warm, trotz der vielen interessanten alten Holzhäuser, trotz der netten Geschäfte... vielleicht war die Diskrepanz zwischen der familiären Zugatmosphäre und dem in einer fremden, grauen, herbstlichen Stadt ausgespuckt werden einfach zu groß.

Manchmal ist man eben fremd und bleibt es.

  20.10.2003 nach oben 
 

Ich schlafe im Zug nur schlecht, um nicht die Haltestelle TAISHET zu verpassen. Diese Sorge ist allerdings unbegründet, da die Schaffnerin mich weckt. Es ist sechs Uhr morgens als ich gestiefelt und bereit zum Aussteigen auf den Bahnhof warte ...draussen dämmert es, die Taiga-Landschaft ist mit einer leichten Schneedecke, wie mit Puderzucker bestäubt... in dem intensiven Morgenblau ein unbeschreiblicher Anblick!

Am Bahnhof werde ich von Wassili und Gerhard abgeholt. Wassili, mein Gastvater erinnert mich an eine ältere Version von Tom Waits; Gerhard ist Frührentner, freischaffende Künstler, wie er es nennt und ist für einen Monat bei Wassili und Leda, seiner Frau.

Wir fahren die 12 km nach Birjusa. Herzlicher Empfang in einem gemütlichen Zuhause. Wir frühstücken Milchbrei und Brote mit saurer Gurke und Fisch. Dazu gibt es Tee mit Marmelade-lecker!
Mit Händen und Füßen verständigen wir uns. Dann ist Entspannung angesagt, bis wieder gegessen wird.

Danach geht es ins Kinderheim, das zwei Häuser entfernt liegt. Leda arbeitet dort als Werklehrerin. Bevor sie das Haus verläßt, legt sie Lippenstift auf und so krame auch ich meinen Lippenstift aus meinem Gepäck hervor. Olga, die Bibliothekarin der kleinen Bibliothek spricht nur Russisch und so wird Lena geholt, eine 16 jährige, die im Heim arbeitet, und die in der Schule Englisch hatte...
Es begann ein zäher Kampf ums gegenseitige Verstehen, einzelne Worte wurden wieder und wieder im Wörterbuch nachgeschlagen. Die arme Lena hatte einen hochroten Kopf, weil sie einerseits die Fragen der Bibliothekarin übersetzen mußte, aber andererseits auch meine Antworten vor allem verstehen und dann wiedergeben mußte. Irgendwann brach das Eis, sie verstand um was es mir ging, war erleichtert und freute sich. Auch die Bibliothekarin freute sich und sagte zu, ja, ich könne einen Satz meines Projektes in ihrer Bibliothek anbringen.


Dorf in der Taiga

  21.10.2003 nach oben 
 

Morgens wandern wir in der Taiga, Mittagessen (leckeren Fisch vom Baikal...um meine Vorfreude anzufeuern) und dann bringe ich meinen Satz in der Bibliothek des Kinderheimes an.

Als ich zurückkomme steht Leda in der Küche und bäckt kleine Pfannkuchen für das Picknick am Abend. Als es langsam zu dämmern beginnt, machen wir uns, voll bepackt mit allerhand Leckereien auf den Weg in den Wald. Wassili und Gerhard kümmern sich ums Feuer, während Leda, ihre Freundin Larissa und ich noch ein bißchen durch den Wald spazieren (nachdem Leda genaueste Anweisungen gegeben hat, wo sie denn gerne das Feuer hätte).
Wir trinken Wodka und Bier, Wassili grillt Schaschlik und dann wird gesungen, wobei Gerhard und mir kaum deutsche Lieder einfallen, und wenn dann vielleicht eine, oder zwei Strophen und nicht mehr.

Der Himmel ist sternenklar und sieht wirklich wie ein Zelt aus. Als wir irgendwann nach Mitternacht wieder Zuhause sind, will Larissa ein deutsches Gedicht hören...mir fallen nur ein paar Strophen von Schillers Bürgschaft ein, die sie aber dann auch übersetzt haben möchte. Mein Versuch, die Bürgschaft in Zeichensprache zu übersetzen war sicher sehenswert und unterhaltsam, wenn man Larissa danach auch hätte fragen sollen, WAS sie verstanden hatte...

  22.10.2003 nach oben 
 

Morgens fahren wir alle zusammen gestriegelt und stadtfein nach Taishet. Der neu renovierte Bahnhof steht im Kontrast zu dem, was man im Ort zu sehen bekommt. Wider die Vernunft (und das Wissen um die Kilos, die mein Koffer eh schon als Übergewicht hat...) kaufe ich eine Teeschale für meinen Hausstand in Japan.

Wir schlendern über den Markt, der alles bietet, was der Mensch zum Leben braucht, aber nicht mehr: Lebensmittel, Kleidung und ein paar Ersatzteile fürs Auto.

Am Nachmittag geht es dann auf die Post, wo alles gemach, gemach getan wird. Ich habe also genügend Zeit, mir in Ruhe anzusehen, was es alles in der Poststelle zu kaufen gibt: Waschpulver, Seife, Lippenstifte, Socken und Schokolade, ach ja, und Kulis, Briefumschläge, und Briefmarken. Viele der Kunden lassen anschreiben und alles wird fein säuberlich in ein großes Buch eingetragen und dann unterschrieben. Erst danach geht die Postbeamtin in den Nebenraum und holt die Waren, im Verkaufsraum sind nämlich nur Warenbeispiele ausgestellt.

Am Abend gehts weiter nach Irkutsk.


Bahnhof Taishet

  23.10.2003 nach oben 
 

Boris, der mich in mein neues Zuhause fährt ist ein Fan von Bigbands sowie Jazz und so hören wir, während wir durch Irkutsk fahren "we will turn Manhattan into an isle of joy...". Na, wenn das nicht vielversprechend klingt für meine Zeit in Irkutsk.
Nelly, meine Gastmutter ist eine charismatische Burjatin mit weichen Wangen und Wolodi, ihr Mann ist klein und drahtig und der Hund Chappi freut sich über jeden Besuch.

Ich bekomme mit Grieß gefüllte Teigtaschen zum Frühstück und werde für diesen und den nächsten Abend ins Theater geschickt, quasi aufgeräumt. Dann, um das Eis zu brechen, zeige ich Bilder von meinen Arbeiten. Nelly mag besonders Katzengold und sucht ihr Wörterbuch heraus und zeigt auf tenderness...

Es gibt in Irkutsk ein Wiener Cafehaus, in dem man Melange trinken kann, der auch mit einem Glas Wasser serviert wird. Ich sehe mir das 'ewige Feuer' und die Schüler, die es bewachen an und besuche die beiden Dekabristenhäuser. Die Dekabristen waren Adelige in St. Petersburg, die den Eid auf den Zaren verweigerten und, so sie nicht deswegen erschossen wurden zunächst in Arbeitslager in Sibirien geschickt und dann auf Lebenszeit nach Irkutsk verbannt wurden. Einige der Ehefrauen reisten ihren Männern nach und lebten, nach deren Entlassung aus dem Arbeitslager mit ihnen in Irkutsk.
Im Haus des Dekabristen Wolkonsky sind Bücher aus seiner Bibliothek ausgestellt. Mich rührt ein französischer Band über die Mythologie in aller Welt und ein, ebenfalls in französischer Sprache verlegtes Buch über neues Recht in Preußen.

Als ich um 10 Uhr Nachhause komme, ist Nelly in heller Aufregung; sie habe sich bereits Sorgen gemacht und auch Walodi mit dem Hund hinausgeschickt, um mich zu suchen...ich muss schmunzeln, ist Walodi doch zwei Köpfe kleiner als ich...

  24.10.2003 nach oben 
 

Heute hatte ich mir ein Tanztheater als Abendunterhaltung ausgesucht.

Ich wußte nicht, daß es eine neue Version von Orpheus und Eurydike sein würde, und was für eine! Orpheus ist ein Jüngelchen, dem ein rotes, glitzerndes Herz vorne aufs Hemd gestickt worden war. Alles in allem sehr farbloses Herumgehopse, ebenso wie bei der holden Eurydike, die tut, was schöne Frauen eben tun: früh sterben.
In der Unterwelt gibts Fledermaus und Spinnenmenschen und später, im eher paradiesischen Bereich sind die Tänzer als buntes Federvieh verkleidet. Es zeugt nicht gerade von Einfallsreichtum, daß die Toten langärmelige, weiße Pyjamas tragen.
Als er sie dann endlich doch wiederfindet, seine Eurydike, verliert er sie bei der Hochzeitsfeierlichkeit, als er unter ihren Schleier schaut. Zum feierlichen Abschluß gabs noch allgemeines Gehopse zwischen Ballett und Diskoathmosphäre... Der Spaß kostete 250 Rubel...

Zur Erholung ging ich noch mal ins Internetcafe.

  26.10.2003 nach oben 
 


Baikalsee

Eigentlich wollte ich den Baikalsee ja von der Insel Olchon aus genießen; aber leider war es zu spät und es fuhr bereits kein Bus mehr hin und trampen oder andere Leute suchen, mit denen man einen Fahrer engagieren könnte, war mir zu kompliziert und so fuhr ich nach Listwijanka, einem kleinen Ort direkt am Baikalsee und mit Busverbindung.
Als ich dort aus dem Bus stieg war es klirrend kalt und ein eisiger Wind pfiff; man hielt den Mund am besten geschlossen, sonst taten einem die Zähne von der kalten Luft weh... Die Sonne fiel in einem großen Strahl auf den Baikalsee und ich mußte erst mal wegsehen, so schön sah er aus.

Das Haus meiner Gastfamilie lag unmittelbar am See, das heißt nur die Strasse trennte es von ihm. Ich stiefelte erst mal am See entlang in den Ortskern, der sich als ein kleiner Platz herausstellte, auf dem geräucherter Fisch und Souvenirs verkauft werden. Der geräucherte Fische ist eine Art russisches Ausflugsziel und da ich ja beim Gehen in der Kälte (eigentlich waren es nur um die 0 Grad, aber es ging eben dieser eisige Wind...) einiges an Kalorien verbraten habe, will ich einen Fisch essen, aber wo? Ich beobachtete die Russen, die sich Fisch auf dem Markt kauften und dann in den kleinen Cafés um den Platz aßen und machte das auch.

Der Fisch, Omul schmeckt lecker und für den nächsten Tag nahm ich mir vor den anderen berühmten Baikalfisch, Harius zu probieren. Aber erst mal raus in die Kälte. Ich trank in jedem Café des Ortes einen Tee mit Zucker und Zitrone, um mich aufzuwärmen. Als ich zurückkam in mein Zweitagezuhause stand die Mutter des Hauses gerade in der Küche und veranstaltete eine große Backaktion. Ich staunte über die Mengen, bis ich erfuhr, daß sie für ein Café bäckt.

Mutter und Tochter tappten barfuß durch die Wohnung und ich kam mir in meinen Wollsocken wie ein Weichling vor. Das änderte sich allerdings nach der Sauna.
Die Sauna war eine Holzhütte im Garten, die mir duftendem Holz geheizt wird, ein Paradies, das man nicht näher beschreiben kann. Zum Abschluß kippe ich einen Eimer mit Baikal-Wasser über mich.
Als ich aus dem Haus trat, war die Nacht sternenklar und der See plätscherte gegen die Mauer. Für den Rest des Abends saß ich krebsrot und zufrieden in einem Sessel. Die Katze des Hauses profitierte auch von meiner Wärme und machte es sich auf meinem Schoß bequem. Als ich mich über ihre kleinen, runden Ohren wunderte, wurde ich aufgeklärt, daß das von der Kälte komme, der Katze also die Ohrspitzen abgefroren seien.

  29.10.2003 nach oben 
 


freundliche Burjatin

Obwohl der Baikal wirklich atemberaubend ist und ich hoffe, daß ich ihn noch einmal länger besuchen kann (sometime...dasLeben ist ja lang), ist Listwijanka eine Art unbefriedigender Apetittanreger. Wie ein Hamster im Laufrad lief ich 2 1/2 Tage an der Uferstrasse auf und ab, da es sonst keine Wege gab, auf denen ich weiter in die Berge oder am Ufer entlang nur in der Natur hätte gehen können.
Dafür war Ulan-Ude Liebe auf den ersten Blick.

Ilya, ein bäriger Burjate mit großer Fellmütze holte mich vom Bahnhof ab. Von der kommunistischen Straße bogen wir in die Strasse ab, die nach der ersten russischen Kosmonautin benannt ist, die mit Vornamen Valentina hieß. Ich muß darüber nachdenken, daß es wahrscheinlich kaum eine Straße der Marktwirtschaft geben wird und das ich, des Russischen unkundig die Straßenbezeichnungen Uliza Karla Marxa und Uliza Lenina, als Ehrerbietungen an die Frauen von Karl Marx und Lenin mißgedeuted hatte, dabei sind es ja nur ein grammatische 'Verweiblichungen'...

Nach einem Frühstück machte ich mich auf den Weg, die Stadt zu erkunden und da das Wetter einigermaßen gut war, beschloß ich, mit dem Marschrouten-Taxi ins Iwolginski Kloster zu fahren, das einzige buddhistische Kloster der Sojetunion und auch im heutigen Russland. Im Marschroutentaxi war ich die einzige Kaukasierin...Beim Betreten der Klosteranlage war ich unsicher, da ich eigentlich so gut wie nichts über den Buddhismus weiß. Ich betrachtete am Eingang ein wenig die verschiedenen Gebäude, Wohnhäuschen, Klosteranlagen und die überdachten Gebetsmühlen. In meiner Unsicherheit lief ich schließlich einfach einem Paar mit Kind hinterher, die links einem Trampelpfad entlang der Gebetsmühlen folgten, Münzen in Opferkästen warfen und Gebetsmühlen in Bewegung setzten.
Später am Abend erfuhr ich von Irina, daß man sich einem buddhistischen Tempel nähert, indem man einer Beschreibung des Verlaufes der Sonne folgt. Der Gebetsraum war bunt und gemütlich, die Plätze der Mönche sahen irgendwie bewohnt aus. Vor dem Kloster gab es ein kleines Café, in dem ich Posy, Teigtaschen, gefüllt mit Hackfleisch und Brühe aß und dazu Tee nach mongolischer Art, also mit Milch trank.

Auf dem Rückweg im Marschroutka lernte ich einen Burjaten kennen, mit dem ich den restlichen Tag verbrachte. Ich lernte, wie man kleine Nüsse (eine Art Pinienkerne) mit Schale ißt, bzw. die Nüsse ißt und die Schalenhälften (nein, nicht ausspuckt, sondern) sauber in der Hand sammelt. Ich lernte auch burjatischen Kaugummi kennen, den ich zunächst für verschieden große Wiener Würste gehalten hatte und der sich auf äußerst unangenehme Art in den Zahnzwischenräumen festsetzt.

Der freundliche Burjate wollte mich noch Nachhause begleiten, aber da mußte er Erfahrungen mit westlichen Frauen sammeln, die nämlich ihr Zuhause alleine finden (wollen).

  30.10.2003 nach oben 
 


Progress auf Russisch

Heute in einer Woche fliege ich nach Japan.
Es regnet und ich bin mißmutig, was sich erst legt, nachdem ich in der Stadt einen Kaffee getrunken habe (obwohl es, wie fast immer in Russland ein Nescafé war) und mich in die Fremdsprachenuni begeben habe, um dort nach einer Bibliothek für mein Borges-Projekt zu fragen.

Es gibt dort einen deutschen Lesesaal und ich werde aufs freundlichste in Empfang genommen und in Begleitung eines deutschsprechenden Studenten weitergeleitet in die burjatische Abteilung. Deren Leiterin liegt mit Zahnschmerzen auf dem Sofa ihres Amtszimmers und ist erfreut über die Ablenkung. Sie übersetzt den betreffenden Satz ins Burjatische und sagt zu, daß der Satz im Lesesaal der burjatischen Sprache angebracht werden kann, morgen.

  31.10.2003 nach oben 
 

Eigentlich wollte ich ganz bald aufbrechen, um mir noch das historische Museum und besonders den dort befindlichen berühmten, tibetischen Medizinatlas anzusehen, aber ich frühstückte einfach zu lange mit Irina. Irina verglich deutsche mir russischen Volksmärchen und meinte, daß in den deutschen Märchen in der Regel die 'Guten', und 'Fleißigen' gewinnen würden, während in den russischen immer derjenige, der einfach und unverdient Glück habe der Held der Geschichten sei.

Ich brachte meinen Satz an und ging in den Supermarkt Sputnik einkaufen, in dem ich fasziniert ein tiefgefrorenes Ferkel im Kühlregal fand. Es war nicht in eine Folie oder Verpackung gehüllt und lag irgendwie wie vergessen dort...

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  ©2003 Steffi Jüngling