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![]() Bordfrühstück |
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| Steffi Jüngling analog um die Welt Reisetagebuch 10/2003 |
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| 1.10.2003 | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Meine Zimmernachbarin Inga hat die ganze Nacht durch
in der Discobar getanzt. Sie kommt vom Frühstück zurück und weckt mich,
damit ich die Frühstückszeit nicht verpenne und geht ins Bett. Ich ziehe
mich rasch an, aber bevor ich mich ans Frühstücken mache, muß ich
erst mal an die frische Luft; ja, wir sind umgeben von Wasser. Mein Tisch trägt die Nummer 6 und ich bin einem Paar
aus der Ukraine zugewiesen, das kaum Englisch spricht. Es gibt einen krümeligen
Käsekuchen, schwarzen Tee mit Zitrone und 2 Spiegeleier mit 2 Scheiben
Wurst. Auf dem Geschirr steht UKR Ferry. In Gedanken lese ich United Kingdom
R Ferry. Später suche ich mir einen Liegestuhl und verbringe den
Vormittag auf Deck. Der Himmel klart auf, das Schiff tuckert wie zur Beruhigung
und immer mehr Passagiere suchen sich ein Fleckchen in der Sonne. Eine
Durchsage ruft zum Mittagessen aus; die Suppe wird am Tisch aus Porzellanschüsseln
direkt auf den Teller geschöpft, das beeindruckt mich. Danach ist
wieder Sonnenbaden bis zum Abendessen angesagt. |
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| 2.10.2003 | nach oben | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Morgens beim frische Luft schnappen spricht mich ein ca. 45 jähriger, kleiner Mann an; er sei Ägypter usw., werde für einen Monat in der Ukraine reisen...er lachte offen und entblößte dabei seine braunen Zähne; dann fragt er mich, wo ich in Odessa wohnen werde. Als ich ihm sage, in einer Familie, meint er sofort, er würde mitkommen und man könne sich ja ein Zimmer teilen, das käme ja auch billiger...und er habe Postkarten aus Ägypten, die er mir zeigen wolle (die ägyptische Variante der Briefmarkenmasche, nehme ich an). Ich stutzte ihm die Salontigerkrallen ein wenig und vertrieb mir die Zeit bis zur Ankunft in Odessa mit Sonnenbaden und wurde später von meinen Trinkbrüdern vom Vorabend auf einen Willkommenstrunk in die Ukraine eingeladen. Andrej rief für mich bei meiner Gastfamilie an und arrangierte das sie mich vom Schiff abholen. Endlich waren wir da und endlich ging es im Gedränge
von Bord, um an der Paßkontrolle weiterzudrängeln und dann bekam
ich eine Lektion in dem, was man wohl Verkörperung der Staatsmacht nennt. Ich kam ohne Probleme durch den Zoll und strebte immer
noch leicht verwirrt, dem Ausgang zu, wo ich von zwei jungen Damen in
Empfang genommen wurde. Eine war die Dame vom Reisebüro, die mir auch
gleich das Ticket für die Weiterreise nach Kiew in die Hand drückte und
Julia, die Tochter meiner Gastfamilie.. Die beiden kannten sich und hatten
festgestellt, daß sie, eigentlich unabhängig voneinander heute
eine Deutsche erwarteten... |
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| 6.10.2003 | nach oben | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Meine Tage in Odessa zu beschreiben fällt mir schwer. Meine Gastfamilie wurde sehr schnell zu 'meiner' Familie. Ihre Wohnung ist zentral in der Stadt gelegen und ich konnte überallhin zu Fuß gelangen. Ich besuchte einen atemberaubenden Fleischmarkt, auf dem in einer großen Halle auf Marmortheken große Fleischstücke verkauft wurden; Hunde und Katzen taumelten benommen an den Ständen entlang. Gleich nebenan wurden Milchprodukte verkauft, an manchen Ständen gab es nur wenig in Plastikflaschen gefüllte Milch zu kaufen...neben dem Fleisch sahen Milch, Eier und Käse seltsam beruhigend und unschuldig aus. Ich sah mir eine ukrainische Oper an, in dem vor wenigen Jahren mit 12 Kilo Blattgold renovierten Opernhaus. Ich war zum Essen in einen Plattenbau eingeladen worden,
wo wir über Europa sowie den jüngsten Terroranschlag in Israel
diskutierten und hatte mit meiner Gastmutter deren Datscha besucht, wo
ich mir beim Essen der überreifen, süßen Trauben Durchfall
eingefangen hatte. Ich konnte einen Satz meines Bibliotheksprojektes in
einer kleinen Bibliothek anbringen... |
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| 7.10.2003 | nach oben | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Ein neuer Tag und ich wache etwa 500 km weiter nordöstlich
auf. Gleich am Bahnhof wird einem der Unterschied zwischen Kiew und Odessa bewußt. Kiew, als die Hauptstadt der Ukraine ist deutlich repräsentativer herausgeputzt. Ja, und es ist deutlich kälter als am schwarzen Meer. Trotz des Sonnenscheins liegt Herbstgeruch in der Luft. Frühstück bei Wladimir Zuhause, am linken Ufer des Dnepr, wo ich seine Frau Natascha und den kleinen Sohn Jaruslaw kennenlerne. Danach fahren wir wieder auf die andere Seite der Stadt und ich stürze mich ins Sightseeing: Sophienkirche, Andreaskirche, Bulgakovs Geburtshaus. Alles erscheint strahlend und schick. Ich entdecke kleine muffinartige Küchlein mit Rosinen, von denen ich ungehemmt drei Stück auf einmal verdrücke, um mich für weitere Abenteuer zu wappnen. Ein wenig erinnert mich Kiew an Plovdiv. Die Altstadt liegt auf einem Hügel und die neuen sozialistischen Wohngebiete bilden einen Gürtel rund um die Altstadt, die mit ihren goldenen Kuppeln etwas unwirklich erscheint. In die Skyline der Altstadt hat sich die wechselvolle Geschichte der Ukraine ein nicht zu übersehendes Denkmal gesetzt: Mutter Heimat ist eine monumentale Titanplastik, die, von den Einheimischen ungeliebt an die sowjetische Vergangenheit erinnert. Der Abbau der Mutter Heimat ist für die Stadt momentan unerschwinglich (ähnlich wie für die Plovdiver die Demontage der überdimensionalen Plastik des russischen Soldaten Aljoscha, ebenfalls ein ungeliebtes Souvenir der Russen). Die Macht geht, aber die Monumente bleiben. Die Lenin und Stalindenkmäler in der Ukraine allerdings wurden entfernt, lediglich die Straßennamen, wie z.B. Leningrader Platz sind geblieben; oder vielleicht sollte man schreiben, zunächst sind sie geblieben. Die Rolltreppen der U-Bahnen führen in atemberaubende Tiefen.
Durchsagen warnen vor Pilzvergiftungen. In der U-Bahn sitze ich einem
Mann gegenüber, dessen im Schoß gefaltete Hände mich an die Arbeiterhände
der sozialistischen Skulpturen erinnern. |
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| 8.10.2003 | nach oben | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Kaffee und Torte mit der Direktorin der Kiever Stadtbibliothek,
die immer mal wieder vergißt, daß es hier um ein Kunstprojekt
geht und nicht um eine politische Werbeveranstaltung für ihre Bibliothek.
Aber die Atmosphäre ist nett und dann kommt Olga, die Leiterin der
Stadtteilbibliothek für Fremdsprachen, die gerade dabei ist, Deutsch zu
lernen; es beginnt eine interessante Unterhaltung auf Deutsch, Englisch
und mit der Übersetzung Wladimirs auf Russisch. |
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| 9.10.2003 | nach oben | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Die Zeit vergeht wie im Fluge. Heute ist der erste wirkliche
Herbsttag mit Regen, Feuchtigkeit und grau in grau, was ziemlich gewöhnungs-bedürftig
für mich ist. Ich fahre mit der U-Bahn in die Stadt und bereite alles
für die Anbringung des Borges-Satzes in der Bibliothek vor. Dann fahre
ich mit der U-Bahn zu der verabredeten U-Bahn Haltestelle, wo Olga mich
erwartet und von wo aus wir gemeinsam den Marschroutka-Bus zur Bibliothek
nehmen. In der Bibliothek werde ich von den Bibliotheksdamen erwartet,
die, wie sich herausstellt, alle deutsch lernen und während ich "meinen
"Borges-Satz anbringe muß ich jeden Gegenstand, den ich in
die Hand nehme auf deutsch benennen. Später bekomme ich Butterbrote
(was die Russen als 'Butterbrot' bezeichnen ist einfach ein Brot, ohne
Butter), Tee und Honig. Während ich meine Dokumentationsfotos aufnehme,
liest Olga den anderen Bibliotheks-angestellten die Geschichte von Borges
auf Russisch vor... Ich bin allerdings sehr nervös; am nächsten Tag werde ich
weiter nach Moskau fahren und habe noch keine Unterkunft. Moskau soll
sehr teuer sein und es ist angeblich nicht einfach, eine günstiges Bett
zu finden... Ich setze alle Hebel in Bewegung, kann aber das Travellers
Guest House nicht erreichen und rufe schließlich die Bekannte einer
Bekannten an, um nach einem privaten Zimmer zu fragen. Sie will sich umhören
und ich soll morgen wieder anrufen... | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 10.10.2003 | nach oben | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Neben der Reihe durchreister Orte, Wien, Budapest, Bukarest, Sofia, Plovdiv, Thessaloniki, Istanbul, Odessa, Kiev... gibt es die Reihe der Menschen, die ich kennen und schätzen gelernt habe und die meiner Reise die Würze gegeben haben, Georgi, Nikos, Borjana, Magda, Marcin, Valentina, Grischa, Safak, Julia, Tanja, Wladimir, Natasha, Jaruslaw...und schon geht es weiter. Wladimir bringt mich gemeinsam mit der ganzen Familie zum Bahnhof; auf der Fahrt geraten wir in einen Stau, 800m vor dem Ziel. Aber da die Hoffnung ja zuletzt stirbt, denken wir, daß wir noch rechtzeitig ankommen und erst 15 Minuten vor der Abfahrt meines Zuges geben wir auf; Natascha und ich machen uns zu Fuß mit meinem Gepäck auf den Weg und schaffen es, daß ich 5 Minuten vor der Abfahrt des Zuges in meinem Abteil sitze und Wladimir kommt rennend bei der Abfahrt des Zuges noch auf den Bahnsteig, um Lebewohl zu sagen. Oder besser: Auf Wiedersehen- Die ukrainischen Schlafwagenabteile sind wunderbar. Auf dem Tischchen liegt ein Tischtuch, Getränke und ein Teller mit Süsskrams. Für 8 Griwna, etwa einen Euro miete ich Bettwäsche. Ich teile das Abteil mit einem alten Mann. Er spricht mehr Deutsch als ich Russisch. Wir bestellen Tee; später trinken wir aus den gleichen Gläsern ein Bier. Am nächsten Tag bezahlt er alles ohne das ich es bemerke...
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| 11.10.2003 | nach oben | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Obwohl ich Kekse zum Frühstücken dabei habe, besteht der alte Ukrainer darauf, daß ich drei Scheiben Brot und zwei dicke Scheiben Speck von ihm annehme. Wie kann man höflich ablehnen, wenn man eine Sprache nicht spricht? Er läßt mir keine Chance, und so stelle ich zu meiner Überraschung fest, daß der Speck (den ich sonst nie gegessen hätte...) SEHR gut schmeckt (und ich den Geschmack noch ein paar Tage in sehr guter Geschmackserinnerung habe). Ja, und dann bin ich in Moskau.
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| 12.10.2003 | nach oben | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Eigentlich wollte ich das Gorki-Museum besuchen, verlief
mich aber zunächst und als ich es fand, war es wegen Renovierung
geschlossen... und so marschierte ich weiter zum Puschkin Museum, das
Kunst aus allen Epochen bis hin zur klassischen Moderne unter seinem Dach
vereint. Und am Abend ins Bolschoi Theater. Das Ballett ist ein
Augenschmaus, und es heißt ja immer, daß man dort viel über die
Seele der Russen erfahren könne... Ja, und besonders im Kontrast, wenn
man danach, ganz erhoben vom Spektakel auf die regennasse glänzende Strasse
tritt... ein Land der Gegensätze... | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 13.10.2003 | nach oben | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Ich mache mich morgens auf den Weg ins 'Traveller's Guest
House', in dem ich ja eigentlich auch unterkommen wollte, wo ich aber
niemanden erreichen konnte. Es ist eine günstige Absteige, besonders für
Rucksackreisende und dementsprechend legere eingerichtet. | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 14.10.2003 | nach oben | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Der Kreml. | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 15.10.2003 | nach oben | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Schon wieder packen, Geld abheben, Vorbereitungen für den Aufbruch treffen. Noch schnell in ein Internetcafe, doch alle Adressen aus den Reiseführern waren geschlossen und so endete ich in einem Hotel, in dessen Business-Center ich für 9 Dollar pro 15 Minuten meine Mails checken konnte... Schließlich traf ich mich mit Kris im Museum der
Revolution, das jetzt Museum für Zeitgeschichte heißt. Es ist
frisch renoviert, doch statt wie erwartete eine Sammlung an Postern der
Revolution zu sehen, gab es haufenweise Bilder und Erinnerungsstücke,
leider waren alle Informationen ausschließlich auf Russisch, so
daß wir uns die Geschichte Mithilfe unserer Reiseführer, der
spärlichen Geschichts-kenntnisse und unserer Phantasie zusammenreimten.
Von den erwarteten Postern gab es im Museum weniger, dafür um so
mehr im hauseigenen Souvenir-Shop, der eher ein Antiquitätenhandel
ist. Hier gab es Unmassen an Originalpostern und antikem Krimskrams. | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 16.10.2003 | nach oben | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Am Tag darauf bekommen die Stimmen Gesichter und Namen. Essen wird geteilt, und was die Russen alles zum Essen dabei haben! Es ist einfach unglaublich und ihre Taschen gleichen unendlichen Füllhörnern. Ja, und den schlecht versorgten Ausländern muß man ja unter die Arme greifen! Wegen all der Orgien wird der Fußboden 2x am Tag von den Schaffnerinnen gesaugt, im Gang gibt es einen Samowar und so ist ständig für heißes Wasser für Tee oder Suppen gesorgt. Ich hatte mir extra eine Thermoskanne gekauft, Tanja hatte einen kleinen Plastikeimer als Teekanne dabei...
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| 17.10.2003 | nach oben | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Ein ganzer Tag im Zug. Aufwachen, Essen, Lachen, Reden,
aus dem Fenster sehen; dies in verschiedenen Reihenfolgen und dann als
Krönung: in Barabinsk am Bahnhof geräucherten Fisch und Bier kaufen. | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 18.10.2003 | nach oben | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Nur mit schwerem Herzen habe ich meine liebgewonnene mitreisende
Familie verlassen und bin in Krasnojarsk ausgestiegen. Im Fernsehen läuft eine Werbung für Bier: ein
dicklicher Deutscher kämpft sich durch den Moskauer Dschungel. Er
wird beim Fotografieren angerempelt, dann wird ihm jedes Taxi vor der
Nase weggeschnappt. Als er resigniert in eine Bierbar gelangt, wird ihm
ohne Aufforderung ein Bier gebracht. Er trinkt und sagt dann überrascht:
"Das schmeckt ja gut!" | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 19.10.2003 | nach oben | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Um 12 Uhr nachts endlich im Zug und im Bett. Die Gepäckaufbewahrung stellt sich als ein windschiefes Häuschen
heraus, das man besser als Schuppen bezeichnet. Und dann erfuhr ich auch
noch, daß ich meinen Koffer bereits um 22h wieder abholen muß,
da die Gepäckaufbewahrung dann schließt und erst wieder am
kommenden Morgen um 7h öffnet (bzw. die Schuppentüre wieder
aufgeschlossen wird), zu spät für meinen Zug. Wieder in der
Stadt besuchte ich das kleine Literaturmuseum, und als bei mir eine mißmutige
Stimmung aufkommt, verschreibe ich mir Shoppen. Manchmal ist man eben fremd und bleibt es. |
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| 20.10.2003 | nach oben | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Ich schlafe im Zug nur schlecht, um nicht die Haltestelle TAISHET zu verpassen. Diese Sorge ist allerdings unbegründet, da die Schaffnerin mich weckt. Es ist sechs Uhr morgens als ich gestiefelt und bereit zum Aussteigen auf den Bahnhof warte ...draussen dämmert es, die Taiga-Landschaft ist mit einer leichten Schneedecke, wie mit Puderzucker bestäubt... in dem intensiven Morgenblau ein unbeschreiblicher Anblick! Am Bahnhof werde ich von Wassili und Gerhard abgeholt. Wassili, mein Gastvater erinnert mich an eine ältere Version von Tom Waits; Gerhard ist Frührentner, freischaffende Künstler, wie er es nennt und ist für einen Monat bei Wassili und Leda, seiner Frau. Wir fahren die 12 km nach Birjusa. Herzlicher Empfang in einem
gemütlichen Zuhause. Wir frühstücken Milchbrei und Brote
mit saurer Gurke und Fisch. Dazu gibt es Tee mit Marmelade-lecker! Danach geht es ins Kinderheim, das zwei Häuser entfernt liegt. Leda
arbeitet dort als Werklehrerin. Bevor sie das Haus verläßt,
legt sie Lippenstift auf und so krame auch ich meinen Lippenstift aus
meinem Gepäck hervor. Olga, die Bibliothekarin der kleinen Bibliothek
spricht nur Russisch und so wird Lena geholt, eine 16 jährige, die
im Heim arbeitet, und die in der Schule Englisch hatte...
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| 21.10.2003 | nach oben | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Morgens wandern wir in der Taiga, Mittagessen (leckeren Fisch vom Baikal...um meine Vorfreude anzufeuern) und dann bringe ich meinen Satz in der Bibliothek des Kinderheimes an. Als ich zurückkomme steht Leda in der Küche und bäckt
kleine Pfannkuchen für das Picknick am Abend. Als es langsam zu dämmern
beginnt, machen wir uns, voll bepackt mit allerhand Leckereien auf den
Weg in den Wald. Wassili und Gerhard kümmern sich ums Feuer, während
Leda, ihre Freundin Larissa und ich noch ein bißchen durch den Wald
spazieren (nachdem Leda genaueste Anweisungen gegeben hat, wo sie denn
gerne das Feuer hätte). Der Himmel ist sternenklar und sieht wirklich wie ein Zelt aus. Als wir
irgendwann nach Mitternacht wieder Zuhause sind, will Larissa ein deutsches
Gedicht hören...mir fallen nur ein paar Strophen von Schillers Bürgschaft
ein, die sie aber dann auch übersetzt haben möchte. Mein Versuch,
die Bürgschaft in Zeichensprache zu übersetzen war sicher sehenswert
und unterhaltsam, wenn man Larissa danach auch hätte fragen sollen,
WAS sie verstanden hatte... |
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| 22.10.2003 | nach oben | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Morgens fahren wir alle zusammen gestriegelt und stadtfein nach Taishet. Der neu renovierte Bahnhof steht im Kontrast zu dem, was man im Ort zu sehen bekommt. Wider die Vernunft (und das Wissen um die Kilos, die mein Koffer eh schon als Übergewicht hat...) kaufe ich eine Teeschale für meinen Hausstand in Japan. Wir schlendern über den Markt, der alles bietet, was der Mensch zum Leben braucht, aber nicht mehr: Lebensmittel, Kleidung und ein paar Ersatzteile fürs Auto. Am Nachmittag geht es dann auf die Post, wo alles gemach, gemach getan wird. Ich habe also genügend Zeit, mir in Ruhe anzusehen, was es alles in der Poststelle zu kaufen gibt: Waschpulver, Seife, Lippenstifte, Socken und Schokolade, ach ja, und Kulis, Briefumschläge, und Briefmarken. Viele der Kunden lassen anschreiben und alles wird fein säuberlich in ein großes Buch eingetragen und dann unterschrieben. Erst danach geht die Postbeamtin in den Nebenraum und holt die Waren, im Verkaufsraum sind nämlich nur Warenbeispiele ausgestellt. Am Abend gehts weiter nach Irkutsk.
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| 23.10.2003 | nach oben | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Boris, der mich in mein neues Zuhause fährt ist ein Fan von Bigbands
sowie Jazz und so hören wir, während wir durch Irkutsk fahren
"we will turn Manhattan into an isle of joy...". Na, wenn das
nicht vielversprechend klingt für meine Zeit in Irkutsk. Ich bekomme mit Grieß gefüllte Teigtaschen zum Frühstück und werde für diesen und den nächsten Abend ins Theater geschickt, quasi aufgeräumt. Dann, um das Eis zu brechen, zeige ich Bilder von meinen Arbeiten. Nelly mag besonders Katzengold und sucht ihr Wörterbuch heraus und zeigt auf tenderness... Es gibt in Irkutsk ein Wiener Cafehaus, in dem man Melange trinken kann,
der auch mit einem Glas Wasser serviert wird. Ich sehe mir das 'ewige
Feuer' und die Schüler, die es bewachen an und besuche die beiden
Dekabristenhäuser. Die Dekabristen waren Adelige in St. Petersburg,
die den Eid auf den Zaren verweigerten und, so sie nicht deswegen erschossen
wurden zunächst in Arbeitslager in Sibirien geschickt und dann auf
Lebenszeit nach Irkutsk verbannt wurden. Einige der Ehefrauen reisten
ihren Männern nach und lebten, nach deren Entlassung aus dem Arbeitslager
mit ihnen in Irkutsk. Als ich um 10 Uhr Nachhause komme, ist Nelly in heller Aufregung; sie
habe sich bereits Sorgen gemacht und auch Walodi mit dem Hund hinausgeschickt,
um mich zu suchen...ich muss schmunzeln, ist Walodi doch zwei Köpfe
kleiner als ich... |
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| 24.10.2003 | nach oben | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Heute hatte ich mir ein Tanztheater als Abendunterhaltung ausgesucht. Ich wußte nicht, daß es eine neue Version von Orpheus und
Eurydike sein würde, und was für eine! Orpheus ist ein Jüngelchen,
dem ein rotes, glitzerndes Herz vorne aufs Hemd gestickt worden war. Alles
in allem sehr farbloses Herumgehopse, ebenso wie bei der holden Eurydike,
die tut, was schöne Frauen eben tun: früh sterben. Zur Erholung ging ich noch mal ins Internetcafe. |
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| 26.10.2003 | nach oben | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Eigentlich wollte ich den Baikalsee ja von der Insel
Olchon aus genießen; aber leider war es zu spät und es fuhr
bereits kein Bus mehr hin und trampen oder andere Leute suchen, mit denen
man einen Fahrer engagieren könnte, war mir zu kompliziert und so
fuhr ich nach Listwijanka, einem kleinen Ort direkt am Baikalsee
und mit Busverbindung. Das Haus meiner Gastfamilie lag unmittelbar am See, das heißt nur die Strasse trennte es von ihm. Ich stiefelte erst mal am See entlang in den Ortskern, der sich als ein kleiner Platz herausstellte, auf dem geräucherter Fisch und Souvenirs verkauft werden. Der geräucherte Fische ist eine Art russisches Ausflugsziel und da ich ja beim Gehen in der Kälte (eigentlich waren es nur um die 0 Grad, aber es ging eben dieser eisige Wind...) einiges an Kalorien verbraten habe, will ich einen Fisch essen, aber wo? Ich beobachtete die Russen, die sich Fisch auf dem Markt kauften und dann in den kleinen Cafés um den Platz aßen und machte das auch. Der Fisch, Omul schmeckt lecker und für den nächsten Tag nahm ich mir vor den anderen berühmten Baikalfisch, Harius zu probieren. Aber erst mal raus in die Kälte. Ich trank in jedem Café des Ortes einen Tee mit Zucker und Zitrone, um mich aufzuwärmen. Als ich zurückkam in mein Zweitagezuhause stand die Mutter des Hauses gerade in der Küche und veranstaltete eine große Backaktion. Ich staunte über die Mengen, bis ich erfuhr, daß sie für ein Café bäckt. Mutter und Tochter tappten barfuß durch die Wohnung
und ich kam mir in meinen Wollsocken wie ein Weichling vor. Das änderte
sich allerdings nach der Sauna. |
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| 29.10.2003 | nach oben | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Obwohl der Baikal wirklich atemberaubend ist und ich hoffe,
daß ich ihn noch einmal länger besuchen kann (sometime...dasLeben
ist ja lang), ist Listwijanka eine Art unbefriedigender Apetittanreger.
Wie ein Hamster im Laufrad lief ich 2 1/2 Tage an der Uferstrasse auf
und ab, da es sonst keine Wege gab, auf denen ich weiter in die Berge
oder am Ufer entlang nur in der Natur hätte gehen können. Ilya, ein bäriger Burjate mit großer Fellmütze holte mich vom Bahnhof ab. Von der kommunistischen Straße bogen wir in die Strasse ab, die nach der ersten russischen Kosmonautin benannt ist, die mit Vornamen Valentina hieß. Ich muß darüber nachdenken, daß es wahrscheinlich kaum eine Straße der Marktwirtschaft geben wird und das ich, des Russischen unkundig die Straßenbezeichnungen Uliza Karla Marxa und Uliza Lenina, als Ehrerbietungen an die Frauen von Karl Marx und Lenin mißgedeuted hatte, dabei sind es ja nur ein grammatische 'Verweiblichungen'... Nach einem Frühstück machte ich mich auf den Weg,
die Stadt zu erkunden und da das Wetter einigermaßen gut war, beschloß
ich, mit dem Marschrouten-Taxi ins Iwolginski Kloster zu fahren, das einzige
buddhistische Kloster der Sojetunion und auch im heutigen Russland. Im
Marschroutentaxi war ich die einzige Kaukasierin...Beim Betreten der Klosteranlage
war ich unsicher, da ich eigentlich so gut wie nichts über den Buddhismus
weiß. Ich betrachtete am Eingang ein wenig die verschiedenen Gebäude,
Wohnhäuschen, Klosteranlagen und die überdachten Gebetsmühlen.
In meiner Unsicherheit lief ich schließlich einfach einem Paar mit
Kind hinterher, die links einem Trampelpfad entlang der Gebetsmühlen
folgten, Münzen in Opferkästen warfen und Gebetsmühlen
in Bewegung setzten. Auf dem Rückweg im Marschroutka lernte ich einen Burjaten kennen, mit dem ich den restlichen Tag verbrachte. Ich lernte, wie man kleine Nüsse (eine Art Pinienkerne) mit Schale ißt, bzw. die Nüsse ißt und die Schalenhälften (nein, nicht ausspuckt, sondern) sauber in der Hand sammelt. Ich lernte auch burjatischen Kaugummi kennen, den ich zunächst für verschieden große Wiener Würste gehalten hatte und der sich auf äußerst unangenehme Art in den Zahnzwischenräumen festsetzt. Der freundliche Burjate wollte mich noch Nachhause begleiten,
aber da mußte er Erfahrungen mit westlichen Frauen sammeln, die
nämlich ihr Zuhause alleine finden (wollen). |
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| 30.10.2003 | nach oben | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Heute in einer Woche fliege ich nach Japan. Es gibt dort einen deutschen Lesesaal und ich werde aufs
freundlichste in Empfang genommen und in Begleitung eines deutschsprechenden
Studenten weitergeleitet in die burjatische Abteilung. Deren Leiterin
liegt mit Zahnschmerzen auf dem Sofa ihres Amtszimmers und ist erfreut
über die Ablenkung. Sie übersetzt den betreffenden Satz ins Burjatische
und sagt zu, daß der Satz im Lesesaal der burjatischen Sprache angebracht
werden kann, morgen. |
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| 31.10.2003 | nach oben | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Eigentlich wollte ich ganz bald aufbrechen, um mir noch das historische Museum und besonders den dort befindlichen berühmten, tibetischen Medizinatlas anzusehen, aber ich frühstückte einfach zu lange mit Irina. Irina verglich deutsche mir russischen Volksmärchen und meinte, daß in den deutschen Märchen in der Regel die 'Guten', und 'Fleißigen' gewinnen würden, während in den russischen immer derjenige, der einfach und unverdient Glück habe der Held der Geschichten sei. Ich brachte meinen Satz an und ging in den Supermarkt Sputnik einkaufen,
in dem ich fasziniert ein tiefgefrorenes Ferkel im Kühlregal fand.
Es war nicht in eine Folie oder Verpackung gehüllt und lag irgendwie
wie vergessen dort... |
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| ©2003 Steffi Jüngling | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||