Home  Übersicht  
 


Udon Nudeln

Steffi Jüngling 
analog um die Welt
 
Reisetagebuch 05/2004 
 
 
Sa So Mo Di Mi Do Fr Sa So Mo Di Mi Do Fr Sa So Mo
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16  
    17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31
   
  1.5.2004  
 

In meiner Vorstellung ist der Mai ein roter Monat, der in Deutschland, wie in Japan von Feiertagen geprägt ist. Aber heute wachte ich, wie bereits gestern mit so etwas wie schlechter Laune auf. Meine Zeit in Japan ist bisweilen von Stimmungsschwankungen geprägt, wie das britische Wetter. Neben dem Gefühl der Angeregtheit und der Verwunderung, wirklich hier zu sein, kommt immmer wieder auch die Frage auf, was ich hier eigentlich mache und eine Sehnsucht nach Vertrautem, Freunden und ganz besonders einem Rythmus. Meine künstlerische Arbeit ist ja keine kontinuierliche Tätigkeit, in dem Sinne, dass ich etwa jeden Tag wirklich mit den Händen mit sichtbarem Ergebnis an etwas bastle. Auch habe ich mich daran gewöhnt, leicht unter Strom zu stehen und viele Dinge miteinander zu vereinbahren und die fantastische Gelegenheit, mich hier ganz auf meine Arbeit zu konzentrieren verwirrt mich paradoxerweise bisweilen.

Deswegen habe ich eigentlich immer ganz gerne jejobbt, da meinem Leben dadurch ein Rahmen oder Rythmus vorgegeben wurde. Im Moment lebe ich ohne jeden Rahmen und obwohl ich sehr motiviert bin und jeden Tag an meinen Projekten arbeite, fühle ich mich manchmal unbefriedigt, unzufrieden, weil die Ergebnisse eben oft erst viel später sichtbar sind. Dann werde ich unruhig und grüblerisch und es hilft nur eines: Bewegung, geistig wie körperlich. Gestern war so ein Tag gewesen, an dem ich zwar einiges getan hatte, aber eben nichts, mit dem man sich abends gemütlich zurücklehnt, ein Feierabend- Bier öffnet und denkt: ja.

Heute Morgen war noch etwas von diesem komischen Geschmack übrig, und so beschloß ich, in die Stadt zu fahren und mir zwei Ausstellungen anzusehen, obwohl ich abends mit dem Nachtbus nach Shikoku fahren wollte. Ich erledigte ein wenig Schreibkram, packte meinen Koffer und machte mich auf den Weg in die Stadt.

Ich wollte die eine kleine Galerie besuchen, in der ich vor Wochen gewesen bin und deren Betreiberin so nett war. Die neue Ausstellung war sehr japanisch, kleine Modelle von Rechenmaschinen und Waagen. Nette Arbeiten, aber vielleicht zu ästhetisch und somit hakt man sie im Kopf irgendwie leicht ab. Die Galeristin trug wieder den kleinen gläsernen Schnuller an einer Kette um den Hals, der mich beim letzten mal schon so fasziniert hatte. Wir redeten kurz über das japanische Galerien System; hier zahlt der Künstler nämlich eine Miete für den Ausstellungsraum, um ausstellen zu können. Überhaupt hat die moderne Kunst, bis auf die, die in den Top-Museen ausgestellt wird einen schweren Stand. So scheint es mir zumindest immer wieder. Ich frage mich, womit das zusammenhängt.

Gleich neben der Galerie befindet sich das Watarium, ein Museum, das ich bereits das vorher entdeckt, aber nicht besucht hatte, an das Museum ist ein Buchladen mit kleinem Cafe und eine Art künstlerischer Schreibwarenladen mit Unmengen an Kunstpostkarten angegliedert, ein kleines Eldorado. Die Ausstellung dort war sehr interessant zusammengestellt und bot mir das Augenfutter, das ich heute zu brauchen schien.

Eine schöne Entdeckung waren die Arbeiten von Gerda Steiner und Jorg Lenzlinger, die die Kirche von St. Stae in Venedig bei der letzten Biennale bespielt hatten. Ich konnte die Arbeit dort nicht sehen, stand mehrmals vor verschlossener Türe, weil ich immer wieder an den Tagen kam, an denen die Ausstellung geschlossen war. Nun konnte ich die Arbeiten der Künstler zumindest in einer neutralen Umgebung sehen. Die Arbeiten einer Koreanerin, eine kleine Siedlung aus Wachs(?) stand auf einem raumfüllenden ca. 1,70 hohen Podest. Eines der kleinen in einiger Entfernung zum Betrachter stehenden Häuser war beleuchtet und mir gefiel die Atmosphäre der Arbeit. Als zwei Japanerinnen den Ausstellungsraum betraten war ich gespannt auf deren Reaktion, ABER- sie waren zu klein und liefen an dem Podest, das sie ja nicht überschauen konnten vorbei. Für sie war das schlicht eine Wand! Und die kleinen Kisten zum draufsteigen waren für sie wohl lediglich vergessene Boxen. Das gefiel mir.

Was macht die Qualität einer künstlerischen Arbeit aus, frage ich mich immer wieder? Bei manchen Arbeiten wird einfach etwas freigestetz(was?) und bei anderen nicht, oder nur anklingend. Gute Arbeiten erzeugen jedenfalls ein gutes Gefühl. Und für den heutigen tag war diese Ausstellung genau die richtige Medizin gewesen.

Als ich nach Shinjuku zurücklief kam ich in eine Demonstartion gegen den Krieg, die, sehr japanisch gesittet von statten ging. Die Strasse war nicht etwa ganz gesperrt, sondern nur ein Streifen war für die Demonstranten vorgesehen, dafür war die Prozession aber sehr lange. Die Sprechparolen klangen etwas müde und was mich überraschte, war das durchschnittliche Alter der Demonstranten, nämlichetwa 35 bis ca. 50. Sie sangen 'we shall overcome'.

Ich fuhr nachhause, d.h. in mein noch zuhause in Ikuta und packte den Rest meiner Habseligkeiten ein. Mich beschlich etwas Wehmut, war ich doch in der Wohnung endlich etwas zur Ruhe gekommen und die Anordnung der Räume hatte meinen Lebensgewohnheiten sehr gut entsprochen.

Wie wird das Leben in meiner kleinen Schuhschachtel in Nakano werden? Carl Stone, der an der Uni in Toyota unterrichtet, lebt auch in Nakano und hatte mir bereits angeboten, mich in die Cafes und Nudelbars der Gegend zu führen. Mit ihm wollte ich auch die Musik Cafes erkunden, Cafes mit großen Soundanlagen (eine Art Sound Dinosaurier aus den 70er und 80er Jahren), in denen laut klassische Musik gespielt wird. Diese Cafes sind leider am Aussterben, aber es gibt doch noch einige und die sind wirklich erlebenswert.

  2.4.2004 nach oben 
 

Nach einer kurzen-langen Nacht im Bus bin ich in Takamatsu angekommen, kurz nach 6 Uhr morgens, kein Cafe hatte auf und auch die Tourist-Information ist noch bis 9h geschlossen, und die brauchte ich dringendst, da ich noch kein Bett für die kommende Nacht hatte. Ich bin ja mit Mariko und Yuko verabredet, hatte aber die Daten durcheinander gebracht und wir treffen uns erst morgen in Marugame und so hat Mariko auch erst für morgen Zimmer für uns gebucht. Ich hatte die beiden von meinem Reiseführer empfohlenen Budget Hotels angerufen, aber sie waren bereits belegt und ich sah mich schon in einer Kiste am Wegesrand übernachten, da während der 'goldenen Woche' mit den vielen Feiertagen jeder Japaner versucht woanders hinzukommen als er gerade ist... In der Touristeninfo bekam ich dann den Namen eines Ryokans, wo die Nacht etwa 4000 Yen kosten würde, wo ich aber erst ab 15h einchekcen konnte. Ok, dann war wohl erst mal Sightseeing angesagt.

Shikoku ist die viert größte Insel Japans und den meisten wegen ihres Pilgerweges der 88 Tempel bekannt. Diese 88 Tempel befinden sich auf einem 1000 Jahre alten Pilgerweg, der im Uhrzeigersinn in 30 bis 60 Tagen um die Insel führt. Diesen Weg zu gehen ist einer meiner Träume ...im Juli werde ich ja gemeinsam mit meiner Ma den Mount Fuji besteigen, aber für diesen Pilgerweg muss ich mir noch einen Partner suchen (formlose 'Bewerbungen' werden jederzeit entgegen genommen(^.^), auch wenns dann erst in drei oder 20 Jahren klappt... insgeheim denke ich ja dass 44 ein gutes Alter für die 88 Tempel wäre...).

Heute wollte ich den Tempel in Takamatsu besuchen, der auf dem Berg Yashima liegt. Ich beschloß, zu Fuss auf den Berg zu steigen, obwohl ich meinen schweren Rucksack dabei hatte, der nicht mehr in das Schließfach passte, ebenso wie meine große Papprolle mit den Schablonen für das Washi-Schöpfen in einer Woche. Somit sah ich dann aus, wie ein echter Pilger. Wie eine Lokomotove stampfte ich den Berg hinauf. Die Luft war frisch und würzig und ich hatte das Gefühl, dass mein Innerstes endlich mal wieder tüchtig durchgepustet wurde.

Was mich immer wieder in Japan begeister, sind die Bambushaine. Sie haben so etwas Frisches und Starkes. In dem Bambushain auf meinem täglichen Nachhauseweg in Ikuta konnte man auch das Wachsen der neuen Triebe beobachten; ganz schön phallisch und ich kann verstehen, dass der Bambus im alten China für die Macht eines Familienclans stand. Ich hatte früher ja auch immer Asparagus-Pflanzen in meineer Wohnung und es war für mich erstaunlich, dass der Bambus etwa genau so wächst, also treibt, wie meine kleinen Zimmerpflanzen früher, nur eben viel größer.

Die Bambussprossen sind in eine Frühlings-Delokatesse und man kann sie in den Supermärkten frisch geschnitten und auf unterschiedliche Weise verarbeitet kaufen..

Dann war es Zeit, in das Ryokan zu gehen. Es lag ganz in der Nähe des Bahnhofes und war ein kleiner Familienbetrieb. Leider war kein Tatamizimmer mehr frei und ich musste in ein Westliches ziehen.

Das ganze Ryokan war eher ein Familienhaus, nur oberflächlich sauber und ich musste an das Wort 'Spelunke' denken. Aber nett. Die Großmutter wies ihren Enkel an, heisses Wasser für einen Tee für mich zu holen und dann kam sie und bereitete den Tee für mich zu: grünes Teepulver, dann eine in Salz eingelegte Kirschblüte und ein paar geröstete Reispuffer. Dazu gab es einen süßen Keks. Ich bedankte mich und trank den Tee, der mehr wie eine Suppe schmeckte und wollte endlich aufbrechen und mir noch den Garten in Takamatsu ansehen, als die Großmutter noch mal kam mit einem Stück Melone... Ich kam mir vor, wie eine frisch adoptierte Katze und machte mich dann aber doch irgendwann auf den Weg zum Garten...



  3.5.2004 nach oben 
 


Jeder Baum hat seine Biographie

Um ein Uhr war ich mit Yuko, Mariko und deren Mann Masaru in Marugame verabredet. Ich frühstückte mal wieder im Mister Donut und fuhr dann mit dem Zug nach Marugame. Shikoku ist von einer Landschaft geprägt, wie sie ein Kind malen würde: auf einer geraden Ebene stehen Berge, die einzeln stehen und hoch aufragen.

In Marugame werden 90 Prozent aller japanischen Papierfächer hergestellt und ich wusste auch gleich warum, denn das Wetter war schwülwarm und bereits nach wenigen Schritten fühlte man sich reif für die nächste Dusche. Das Fächermuseum war nicht so aufregend, aber ein paar schöne Fächer gab es und ich deckte mich ein.

Da ich noch Zeit hatte bestieg ich das Schloss, das sich auf einem der Bilderbuchhügel stand und die Stadt hoch üerragte. Man konnte die See sehen, die als das japanische Mittelmeer bezeichnet wird, da sie so glatt ist.

Dann war es Zeit, ins Museum zu gehen. Das moderne Gebäude steht mitten in der Stadt und der dunkelgraue Würfel öffnet sich zum Bahnhofsvorplatz hin. Die Architrektur ist gelungen und geht auf die Stellung mitten in der ganz gewöhnlich provinziellen Stadt ein. Marina Abramovics Arbeiten dort zu sehen fand ich ziemlich anregend und fragte mich, was die Einheimischen wohl zu ihren Performances sagen mögen, wenn sie sich ins Museum verirrten. In dem Kontext bekommt die Ausstellung eine andere Bedeutung als in Tokyo oder Kyoto, wo das Publikum der Kunst ja eh alles zutraut (und eben dies auch von ihr erwartet).

Wir assen noch Udon Nudeln (mit der Bemerkung Marikos: 'only a snack, we will have more to eat later-') machten wir uns auf den Weg nach Matsuyama. Dort bezogen wir unser Hotel und gingen dann wieder essen. Es gab wie immer, wenn man mit Japanern unterwegs ist für mich namenlose und unglaublichen Leckereien. Als ich nachts ins Zimmer kam und den Fernseher anschaltete, sang ein Japaner gerade 'Hänschen klein'.

  4.5.2004 nach oben 
 


Schirmparkplatz

Wir frühstückten im Hotel und fuhren dann zum berühmten Dogo Onsen. Natürlich war es eigentlich verrückt, ausgerechnet in der 'golden week' zum Dogo Onsen zu fahren und ich hatte den Eindruck, dass sich halb Japan vor dem Eingang versammelt hatte, um sich zumindest dort fotografieren zu lassen. Wir kauften ein Ticket und dann gings los. Wir wurden in ein großzügiges Tatami Zimmer geführt, wo wir uns nach dem Bad entspannen konnten und dann gingen wir ins Bad der Göttin. Als deutsche Entsprechung zum Dogo Onsen käme wohl nur das Müllersche Volksbad in München in Frage, das ich auch allen Japanern empfehle, die mich nach einem deutschen Onsen fragen.

Das Bad der Göttin war ein Traum, das Becken ist aus Granit, das Wasser heiss und man kann gar nicht anders als sich entspannen. Die kleinen Kinder klammern sich an die glitschigen Leiber ihrer Mütter, alte Frauen waschen ihre Körper auf den kleinen Schemeln hockend... Nach dem Bad kommt man zurück ins große Tatami Zimmer, in eine Yukata
des Onsen gekleidet. Ein grüner Tee und kleine Kekse werden serviert ...und die Seele baumelt. Die Fenster, also Schiebetüren des Bades sind geöffnet; draußen regnete es leicht und ein angenehmer, kühler Wind strich durch den Raum und alle Badegäste saßen matt und entspannt auf den Tatamis. Hier möchte ich Hausgespenst sein und den Gesprächen der Frauen und Männer im Bad lauschen und meinen Schabernak treiben...

Der Autor Soseki hatte in Matsuyama als Lehrer gearbeitet und dann eine Art Schelmen-Roman über das Leben eines jungen Lehrers in der Provinz geschrieben ('Der Tor aus Tokyo'), der auch in Dogo Onsen spielt. Obwohl der Roman nicht unbedingt freundlich mit den Bewohnern umgeht, wird die Literatur heute touristenwirksam genutzt und in der Stadt begegnen einem immer wieder Schauspieler, die die verschiedenen Romanfiguren verkörpern sollen.

Wir beschlossen noch den Tempel zu besuchen, es war der kitschigste Tempel den ich überhaupt in Japan gesehen habe. Viele Figuren waren grob aus Stein oder Holz gehauen und wirkten amateurhaft. Es gab sogar eine künstlich angelegte Grotte mit kleiner Blitzanlage für die Erleuchtung, quasi eine billige Disney-Version eines Erlebnis-Tempels.

Wir erholten und stärkten uns mit einer Portion Udon Nudeln und beschlossen, dann den nächsten Zug nach Ookayama zu nehmen; Marikos Freund kannte dort ein gutes Restaurant, wo wir noch zusammen zu Abend essen könnten. Im Zug schliefen wir dann alle selig.

Fit fürs nächste Schlemmen stiegen wir in Ookayama aus. Das Restaurant lag in einer unterirdischen Einkaufspassage und die Sitze waren um eine Theke mit Grill plaziert, wo die verschiedensten Fische zubereitet wurden. Es war wie immer leckerst.

Dann trennten sich unsere Wege und ich fuhr mit Mariko und Masaru nach Kobe, wo ich noch zwei Nächte lang bleiben wollte. Die beiden hatten sich beim Studium in Paris kennengelernt und ihre Wohnung hat etwas französisches, auch wenn ich nicht so ganz festmachen kann, was ich genau als französisch empfand. Wir spielten uns gegenseitig 'Musik' vor, ich 'Rilke-Projekt' bulgarische Volksmusik und sie Musik aus Okinawa und dann zauberte Mariko eine CD aus dem Regal: Marguerite Duras liest 'l'amant', wir hörten eine ganze Weile schweigend und jeder in seinen eigenene Gedanken und Erinnerungen schwelgend Marguerite Duras' Stimme zu. Es ist eines meiner Lieblingsbücher und die leicht schleppende Stimme der Duras illustriert schon beinahe die Erinnerungen an diese Liebe am Mekong.

  6.5.2004 nach oben 
 

Kobe ist eine junge, neue Stadt. An das verheerende Erdbeben erinnerte nur dieser kleine Strassenzug, den man zur Erinnerung am Hafen erhalten hatte.

Wieder in Toyota wurde ich von einem Froschkonzert empfangen. Die Reisfelder sind momentan geflutet und ein Froschparadies. Ihr gequake vermischt sich mit dem Geratter der Zikaden. Ich muss an Australien denken, wo die Zikaden einmal so laut gewesen waren, dass ich mir klopapier in die Ohren stopfte, weil das Zirpen WIRKLICH ohrenbetäubend war.

Abends sah ich mir mit Yuko 'Brot und Tulpen' (Anm. d . WM: schon wieder) an. Wir tranken Wein aus Kobe und 'badeten' in dem Film...

  7.5.2004 nach oben
 

Nach einer Nacht, in der ich vor Aufregung JEDE Stunde aufgewacht war und unsicher meinen Wecker überprüfte stand ich ganz bald auf und fuhr nach Hirato Bashi, wo ich mit dem Leiter des Washi Museums Obara verabredet war, der mich mit in das Museum mit angeschlossener Papierwekstatt in den Bergen nehmen wollte. Wir hatten uns dazu ja vor drei Wochen berabredet, 10 vor acht Uhr in Hirato Bashi und als ich so dastand, fragte ich mich plötzlich, ob wir ausgemacht hatten, noch mal zu telefonieren oder ob ich vielleicht etwas mißverstanden hatte.

Aber er kam und wir fuhren aufs Land. Es versprach ein schöner Tag zu werden... Die Washi Werkstatt des Museums war sehr gut ausgerüstet, allerdings werden dort vor allem kitschige Papierbilder hergestellt und die Besucher des Museums können ein Papier schöpfen, das in Windeseile getrocknet wird und dann kann das Papier noch zu einem Fächer verarbeitet werden. Ich probierte ein wenig mit Schrift im Papier und dann schöpfte ich einen großen Bogen (90X180cm) mit der von mir mitgebrachten Zeichnung als Schablone. Wenn das Ergebnis gut ist, werde ich im Juni in die Produktion gehen und 18 große Bögen für eine Installation schöpfen.

  8.5.2004 nach oben
 

Nach dem Erledigen von Papierkram wollte ich heute endlich das Museum für moderne Kunst in Toyota besuchen, das vom selben Architekten, wie das Museum in Marugame geplant worden war. Nach dem Ticketkauf beschloß ich, mal nach einem der Kuratoren zu fragen, der ein Freund von Mariko ist und der zwei Jahre in Venedig studiert hatte.

Er war im Haus und kam. Wir führten eine lustige Unterhaltung, wobei er Italienisch, ich Deutsch und Andre, der mit von der Partie war Japanisch sprach. Wir verstanden uns prächtig. Die Sammlung war nett, aber besonders interessant für mich war eine Sonderausstellung mit Arbeiten einer (ich glaube mittlerweile verstorbenen) Japanerin. Sie hatte die unterschiedlichsten Stoffe als Grundlage für wunderschöne Stoffbilder mit Blumen, Gemüse und Fischmotiven im Stile der 50er, 60er Jahre auf ungewöhnliche und liebevolle Weise verarbeitet.

Danach gab es noch einen Kaffee bei Rafu und dann rief mich mein Schreibtisch wieder. Abends lauschte ich im Bett wieder dem Froschkonzert und bereitete mich mit Lara Croft und Bier aufs baldige Aikido-Training vor, musste allerdings zunächst wieder 15 Minuten mit dem japanischen Menu der DVD kämpfen, bevor ich endlich den Film starten konnte.

  9.5.2004 nach oben
 

Den Morgen verbrachte ich am Computer und machte mich dann gegen Mittag auf den Weg zur U-Bahn. Am Sonntag fährt kein Bus zur Universität oder zum Bahnhof und so machte ich mich im Nieselregen auf den Weg und wanderte durch die Reisfelder 40 Minuten zur U-Bahnhaltestelle. Unterwegs fragte ich einen Studenten, der auch in die Richtung ging nach einer Abkürzung, aber es gab keine und so marschierten wir gemeinsam weiter durch den Regen.

In Nagoya traf ich mich in einem Jazz-Cafe mit ein paar japanischen Künstlerinnen. Und abends ging es dann zu Yukos Performance in einer kleinen Kneipe-Cafe-Galerie.
Es ist ganz interessant. In Japan zahlen die Künstler normalerweise, um ausstellen zu 'dürfen'-können.

Canolfan ist ein Cafe, das eben auch Kunst zeigt. Ich lernte den Betreiber kennen und er meinte, das er seit dem 11. September das Interesse an Kunst verloren habe. Die Bilder seien einfach zu mächtig gewesen. Aha. Später erzählten Akiko und Ayumi mir, dass sie sich in der kommenden Woche mit ihm zusammen setzen wollten, denn er habe noch einen Ausstellungsraum über dem Cafe, der aber momentan nicht genutzt würde. Er wolle ihn allerdings nur nutzen, wenn man es schaffen würde, mit den künstlerischen Arbeiten Geld zu verdienen. Als ich die beiden fragte, um wessen Überleben es denn dabei hauptsächlich ginge, meinten sie, um das Leben des Betreibers. Ich musste etwas mit dem Kopf schütteln, denn natürlich muss der Galerist oder wie man ihn auch nennen möchte überleben, aber wenn sich die Künstler neben ihren Arbeiten und ihrem eigenen 'über-die-Runden-kommen' auch noch Gedqanken über den Galeristen machen sollen, finde ich das etwas schwierig; wobei es natürlich immer gut ist, gemeinsam darüber nachzudenken, wie man einen Ausstellungsraum nutzen und eventuell auch Geld damit verdienen kann... Dies sei auch der Grund, warum dort mehr Klang Performances oder künstlerische Performances gezeigt würden... weil man dafür Eintritt verlangen kann...

Der Performance Abend war sehr unterschiedlich, aber Yukos Auftritt war sehr gut und ich bin gespannt auf ihre gemeinsame Performance mit Mariko im Juni in Kyoto, wo ich gerne hingehen möchte.

  11.5.2004 nach oben
 

Heute war ich wieder ganz früh morgens mit dem Direktor des Washi Museums verabredet und als ich an den Gemüsegärten neben der Uni vorbeilief, kam ich an einem Japaner vorbei, der gerade Golfabschläge übte, morgens um 6 Uhr, bei Vogelgezwitscher und in Freizeitkleidung...


Lösen des Washi-Tests aus dem Rahmen

Meine Papiere waren inzwischen getrocknet und ich war einigermassen zufrieden mit den Ergebnissen. Die Rückreise mit diversen Landbussen dauerte Ewigkeiten und ich war froh, als ich wieder in er Uni angekommen war, um alles zusammenzupacken, da ich Dussel mein Mobiltelefon bei Andre vergessen hatte und es so in Nagoya abholen musste, also ein Reisetag...



  12.5.2004 nach oben
 

Ganz früh brach ich wieder nach Tokyo auf, um zu dem Kurs, über das deutsche Lied zu gehen. Dort war heute ein ehemaliger Schüler von Frau Mikami, ein Japaner, der nun seit Jahren in Deutschland lebt und gerade zu Besuch in Japan ist. Er ist Komponist und leitet momentan ein paar Chöre in der deutschen Provinz. Er meinte, die deutschen Frauen in seinen Chören seien immer so neugiereig, nicht so wie die japanischen Frauen. Ich musste schmunzeln, denn das ist natürlich wirklich ein kultureller Unterschied und die Japanerinnen sind in der Regel eben sehr höflich und zuvorkommend, eher schüchtern und vor allem: zurückhaltend... Er redete sehr laut und aufgeregt und ich fragte mich, ob er sich das vielleicht in Deutschland antrainiert hatte, um nicht zwischen den neugierigen und starken deutschen Frauen in seinen Chören unterzugehen.

Danach brachte ich meine Sachen nach Nakano, in meine neue Behausung und kam zurück ins OAG Haus, um mir das Symposium zur deutschen und japanischen Kunstszene anzusehen. Dort traf ich dann nach Emailkontakten Andreas, Kunstlehrer an der deutschen Schule, wo ich gerne für eines meiner Projekte mit den Schülern Papierflugzeuge aus alten Büchern falten wollte.

Für das Symposium waren interessante Persönlichkeiten zusammengekommen: David Elliot, der Leiter des Mori Art Museums, Künstler aus Deutschland (3) und Japan (2), ein Kritiker, eine Japanologin und noch ein Kurator aus England.
Das Progarmm des Symposiums war ein wenig zu umfangreich und so konnten die interessanten Themen nur angeschnitten werden. Natürlich ging es um das System der Mietgalerien in Japan und dass es in Deutschland viele Künstlerinitiativen gibt...

Was mir auffiel war die deutsche, etwas steife Art der Moderatorin. Ich glaube ein Problem der Deutschen ist ganz oft, dass sie nicht charmant sind, zu sachlich, manchmal steif, trocken und ungelenk. Das Thema steht wie eine Hausaufgabe im Mittelpunkt und muss abgearbeitete werden. Also ich merke das an mir selbst selbst bisweilen, diese manchmal unflexible Strukturiertheit.

Interessant waren David Elliots Bemerkungen über die sich wandelnde Rolle der Museen, die in den 'fetten' 80er Jahren derart eng mit kommerziellen Galerien zusammenarbeiteten, dass die Grenzen beinahe gänzlich verschwammen. Galerien begannen, Ausstellungen zu machen und Kataloge zu produzieren, die von denen der Museen nicht zu unterscheiden waren. Die Museen verloren so ihre Position als Katalysator für Richtungen und Qualitäten. Und jetzt, bei den allgemeinen Sparmassnahmen in Deutschland und Japan stehen die Museen vor der Aufgabe, ihre Rolle neu zu definieren und dabei ständig um ihre Mittel bangen zu müssen.

  13.5.2004 nach oben
 

Ich richte mich in meiner Schuhschachtel ein und komme mir ein wenig vor wie im Urlaub (einige werden jetzt lachen und sagen, dass sie eh den Eindruck haben, dass ich hier immer im Urlaub bin...). Die Tatamis riechen ein wenig nach Heu und der Gaskocher (eine Flamme) erinnert mich an frühere Reisen mit meinen Eltern, im Renault, mit Klapp-Tisch und -Stühlen und viel Dosenravioli. In kürzester Zeit sah es hier schon gemütlich und etwas heimisch aus. Hier werde ich also Leben, Arbeiten und Schlafen auf engstem Raum. Ich komme mir ein wenig vor wie in Klausur.



  16.5.2004 nach oben
 

In Asakusa fand heute ein großes Schrein Festival statt, 'Sanja Matsuri'. Es ist angeblich eines der größten Feste in Tokyo und der Anlass ist ein Fund von Fischern, die vor hunderten von Jahren in ihren Netzen eine Kannon-Statue entdeckt hatten. An diesem Wochenende finden mehrere Vernstaltungen statt, und heute werden die drei großen tragbaren Schreine, also tragbare Altäre, in denen Gottheiten wohnen durch die Strassen getragen.
Eine große Traube von Schreinträgern umringt den Schrein und sie tragen ihn gemeinsam und abwechselnd. Der Schrein wird aber nicht getragen, wie etwa ein Sarg, sondern bewegt, fast rhythmisch 'geschüttelt', wobei die Träger, übrigens Männer und Frauen, laute uhm-Laute ausstossen. So ziehen sie dann durch die Strassen...

Ich traf mich mit Shigeru in Asakusa; wir kannten uns aus Kassel eigentlich nur vom Sehen und über gemeinsame Freunde und Bekannte. Sich jetzt, in umgekehrter Position, also ich bin hier die Ausländerin und er zuhause- kennen zu lernen fand ich spannend. Mir war nicht bewusst, dass er eigentlich so etwas wie Medienwissenschaftler ist. Wir redeten vor allem über die neuere Medienkunst. Mich nerven die Medienkunstausstellungen zum Teil sehr; gezeigt werden häufig technische Spielereien, die für mich keinerlei Inhalt transportieren. Shigeru meinte, dass die Medienkünstler oft argumentieren würden, dass die 'Form', der Inhalt wäre. Aha. Mich beschleicht da bisweilen der Verdacht, dass ich vielleicht langsam 'alt' werde (im Sinne von altmodisch) und mir die gegenwärtige 'Oberflächlichkeit' gegen den Strich geht (Hauptsache, es flimmert und rauscht...). Aber vielleicht geht es auch nur um eine unterschiedliche Position...oder vielleicht verharre ich in einem unsichtbaren Inhalts-Stellungskrieg, und manche meiner Arbeiten waren ja auch zu kopflastig-

  17.5.2004 nach oben
 

Heute ist es wieder so schwülwarm und die Feuchtigkeit steht in der Luft, so dass man beinahe das Gefühl hat, sich den Weg durch den Luftwiderstand bahnen zu müssen.

Eigentlich möchte man sich gar nicht bewegen. Aber ich tue es doch und gehe ins französische Kulturnstitut, um für meine 'Love-Hotel' Arbeit zu recherchieren. Die Räume sind klimatisiert und man beginnt zu frösteln... wenn man später wieder auf die Strasse tritt wird man von der feucht-warmen Luft umgeben wie von einem Schleier.

Anschliessend sehe ich mir den slowakischen Film 'The garden' an, der im Rahmen der europäischen Filmtage gezeigt wird. Sehr seltsam, was natürlich noch durch den Umstand, dass der Film auf Slowakisch (das ist doch dann Tschechisch, oder?) gezeigt wurde, mit japanischen Untertiteln. Man nimmt dabei die Bilder ganz anders wahr... und auch die Reaktion des Publikums... denn Witze versteht man so ja nur aus einer Situationskomik heraus... oder wundert sich über das Gelächter der anderen Kinobesucher.

Wenn ich nachts nach hause gehe, durch die labyrinthischen Gässchen huschen immer wieder Katzen vor mir um die Winkel der Gassen, oder durch einen Zaun. Es sind unglaublich viele und sie maunzen leidend und sehnsuchtsvoll in der Nacht. Viele der Katzen haben übrigens nur einen kurzen Schwanz, etwa halb so lang, wie die europäischen. Als ich einen Bekannten fragte, meinte er dies sei eben die japanische Rasse...naja, dass alle Katzen die Häfte ihrer Schwänze bei irgendwelchen Unfällen verloren haben ist eher unwahrscheinlich... Jedenfalls komme ich mir manchmal auf meinen nächtlichen Wegen wie eine von ihnen vor, die sich dann in ihren Schlupfwinkel zurückzieht.

  19.5.2004 nach oben
 

Ganz früh stand ich heute auf und machte mich auf den Weg in die deutsche Schule, wo ich mit den Schülern Papierflieger basteln wollte. Es war eine sehr nette sechste Klasse und wir bastelten viele Flieger aus alten Büchern und liessen sie dann im Klassenzimmer fliegen. Schliesslich beschlossen wir, in die Turnhalle zu gehen und dort einen kleinen Flugwettbewerb zu machen, da die Flieger im Klassenzimmer immer gegen die Wand flogen. Das klassische Fliegermodell 'Pfeil' und die Schwalbe waren übrigens die besten Flieger... Ich war der Klasse als Frau Jüngling vorgestellt worden und als wir zurück ins Klassenzimmer kamen, hatte ein Schüler meinen Namen in 'Neuling' ausgebessert...

Interessant sind in Japan immer wieder die Gespräche mit anderen westlichen Frauen. Hier wird immer wieder die Beobachtung bestätigt, dass es zwar sehr viele Beziehungen zwischen westlichen Männern und Japanerinnen gibt, aber kaum zwischen Japanern und westlichen Frauen. Natürlich gibt es einige wenige Ausnahmen... die man aber leicht an den Fingern einer Hand abzählen kann; westliche Männer sind bei den Japanerinnen 'begehrt' und viele 'gayjins' bleiben auch deswegen in Japan 'hängen', weil sie hier einfach wegen ihrem Ausländerbonus eine privilegierte Stellung haben, wie sie sie nirgendwo sonst auf der Welt finden werden. Und bei manchen Paaren, denen man auf der Strasse begegnet kann man nur mit dem Kopf schütteln. Als westliche Frau wird man hier zwar meist fachlich anerkannt (worum viele Japanerinnen, zum Teil vergeblich kämpfen), aber man wird zu einer Art geschlechtslosem Neutrum. Neben den zierlichen JapanerInnen kommt man sich bisweilen auch vor wie eine Riesin, oder wie ein Wesen von einer gänzlich anderen Art.

  21.5.2004 nach oben
 

Streifzüge durch meinen Stadtteil Nakano... es ist eine Wohngegend mit kleinen, verschachtelten Häusern, meist zweigeschossig. Autos wirken hier wie Fremdkörper.


Idylle mit gestampftem Lehmboden


hier trinken die zwei- und vierbeinigen Katzen der Gegend Kaffee


Die Leitungen sind wegen der Erdbeben oberirdisch verlegt

  22.5.2004 nach oben
 

Für die Recherche zu einer Arbeit fuhr ich heute nach Matsudo, einer Insel im Vorstadtmeer Tokios, wo ich eingeladen war, mir die Chorprobe einer Rentnergruppe anzusehen und aufzunehmen. Sie sangen zum Teil deutsche Lieder mit japanischen Texten und schliesslich musste ich auch mitsingen (...bei meiner Gieskannenstimme). Sie sangen "Muss I denn zum Städele hinaus" auf Japanisch und dann noch mal mit mir auf Deutsch. Schließlich sang mir ein älterer Herr im Kanariengelben Oberteil mit großen Gesten 'Am Brunnen vor dem Tore' vor....

Danach lud mich Frau Akasaka auf einen Tee zu sich nachause ein, wo ich ihre Katze Butch kennenlernte, die blind war. Da sie nichts sieht, geht sie an den Wänden entlang und läuft das eine und andere mal gegen eine Türe. Ich glaube, sie erspürt die Wände zum Teil mit ihren Schnurrhaaren. Sie lies sich gerne von mir kraulen und danach sah ich aus wie Butch ...überall Haare. Beinahe hätte ich zu maunzen begonnen.

Irgendwann machte ich mich auf den Weg zu dem Ausstellungsort rice+. Ich hatte bereits in Deutschland davon gehört und gelesen und war für den Abend mit Shigeru verabredet. Ich kam sehr bald an und setzte mich hin und bestellte einen Borschtsch (es gab gerade einen russischen Abend). In der einen Ecke des Raumes saß ein Japaner, der mich an Masayuki aus der Schulerklasse in Kassel erinnerte; aber mein Japanisch ist zu schlecht, um zu fragen ...kennen wir uns? Ausserdem hatte ich keine Lust auf Verwechslungen mit vermeintlicher Anmache... Aber: es war Masayuki! Und er kam zu mir (Shigeru hatte ihm Bescheid gegeben, dass wir uns heute treffen...). Er war mit seiner Frau gekommen und beide sprachen ein phantastisches Deutsch, das mein japanisches Gestammel gleich erblassen liess... wir unterhielten uns gut.. Später kam Shigeru von der Arbeit und ich bedauerte richtig, dass wir und nicht bereits in Kassel besser kennen gelernt hatten.

Masayuki und Yuri waren erst im September nach 7 Jahren in Deutschland zurückgekommen und Shigeru im Marz auch nach, glaube ich sieben Jahren ...sie vermissen übrigens das deutsche Brot sehr. Und natürlich unser leckeres Bier. Da der Abend in rice allerdings Russland gewidmet war, gab es Baltikum, das ja auch nicht schlecht ist. Zum Abschluß trank ich noch einen russischen Tee - mit Marmelade.

  25.5.2004 nach oben
 

Nippori ist das Stoffparadies in Tokio. Hier reiht sich ein Stoffladen an den anderen und ich wünsche mir einen persönlichen Schneider, der die farbenprächtigen Stoffe dann für mich verarbeiten könnte.

Leider musste ich mich heute insbesondere nach durchsichtigem Plastik, einer dickeren Folie für die Schablonen umsehen, die ich für meine Washipapiere benötige ...aber dann hatte eine Freundin aus Italien mich gerfagt, ob ich ihr Stoffe mit japanischen Mustern, die vom Meer inspiriert sind für ihre Arbeit besorgen besorgen könnte. Also sah ich mich um und fotografierte geeignete Stoffe und werde in den nächsten Tagen dann einen Großeinkauf für sie tätigen.

  27.5.2004 nach oben
 

Ein großes Problem ist in Japan der Platzmangel. Die Wohnungen sind SEHR klein und Arbeitsräume für Künstler sind rar oder kaum bezahlbar. Ich hatte ja die Vorzeichnungen für meine Washipapiere (90 auf 180cm) in meiner kleinen Schuhschachtel gemacht. Da die Papiere eine Wohnung wiedergeben sollen, sahen die an die Wand gepinnten Papierbahnen mit den Zeichnungen aus, als wolle ich den Raum zeichnerisch erweitern.

Zum Zuschneiden der Plastikfolien als Schablonen allerdings war mein Zimmer zu klein und ich hatte herumgefragt, wo ich denn für zwei bis drei Tage einen grossen Tisch benutzen könnte. Als ich der Mitarbeiterin der Ostasiengesellschaft (deren Mitglied ich wurde, um mich durch deren Bibliothek mit japanischer Literatur lesen zu können) davon erzählte, bot sie mir spontan an, dass ich gerne zwei Tische in der Bibliothek nutzen könnte, was ich gerne annahm. Und so arbeitete ich wieder einmal in einer Bibliothek... ich musste schmunzelnd an meine Aktion in Venedig vor einem Jahr denken. Damals hatte ich die Stoffe für meine 'rinverdimento'-Arbeit in der Bibliothek, in der ich auch ausstellte zugeschnitten und der Bibliothekar Francesco hatte mir dazu italienische Gedichte vorgelesen... Diesmal gab es keine Lesung, aber ich kam zügiger voran, als ich dachte und musste abends einmal quer durch die Stadt reisen, um in Asakusa neue Folie zu kaufen... Als ich allerdings dort ankam, war der Laden bereits zu und ich fluchte, denn nun musste ich wieder auf die andere Seite der Stadt nachhausen fahren und morgen früh wieder herfahren, da ich ja das Material zum Arbeiten brauchte...

Ärgerlich, müde und frustriert machte ich mich auf den Weg zurück zur U-Bahn und traf auf den sympatischen Taiwanesen, der in dem Ryokan, in dem ich anfangs immer übernachtete hatte Dauergast ist. Er hatte gerade Yakitori (gegrillte Leckereine an kleinen Spiessen) gekauft und lud mich ein, doch mit im Ryokan zu essen. Das war genau, was ich brauchte, ich besorgte noch ein Bier...

  31.5.2004 nach oben
 

Heute war früh aufstehen angesagt, um meinen Vater vom Flughafen in Narita abzhuholen. Irgendwie konnte ich es gar nicht glauben, dass er dann durch eines dieser Gates kommen sollte. Ich kam am Flughafen an, hatte mich gerade orientiert und wollte mich eigentlich nach einem Cafe mit Sicht auf die Ankommenden umsehen, als er kam.

Woran erkennt man jemanden, der einem vertraut ist? Gerade wenn man so weit weg ist und jemanden trifft/ wieder trifft, den man sein ganzes Leben lang kennt und den man 'erwartet', wird man vom Anblick des anderen gleichsam durchdrungen. Wir schlossen uns in die Arme und dann begann ein wasserfallartiger Redeschwall beiderseits (wer meinen Vater und mich kennt, wird sagen, dass der Apfel ganz offensichtlich nicht weit vom Stamm gefallen ist...), der erst endete, als er eine Woche später wieder fuhr.

Aber jetzt ging es erst mal in die Stadt, was lange genug dauerte, um das erste Kapitel mit Neuigkeiten aus Hassfurt abzuschliessen. Die Reisfelder wichen den Häusern und dann spuckte uns die Bahn in Ueno aus. Wir liefen durch den Ueno Park, besuchten den Markt gleich daneben und dann ging es nach Asakusa, wo ich meinen Vater meinen Freunden von ef Galerie vorstellte und umgekehrt. Hier wurde ein halbes Hassfurter Brot mit Leberwurst gegen japanischen Chiffon-Kuchen und Kaffee eingetauscht, und wir unterhielten uns mit unserer Tischnachbarin, die am Tag darauf mit einer Gruppe von Hokkaido aus mit dem Schiff über das Nordmeer nach Alaska fahren würde. Wir sahen uns noch das obligatorische Kaminari-Mon Tor an, den Senso-Ji Tempel und all die Stände mit Nippes und japanischen Souvenirs, bevor wir uns auf den Weg zu meiner Schuhschachtel nach Nakano machten. Dort gab es nach einer Shokei-(-Vorstellungs) Runde mit meinen supernetten Vermietern (die wir Mädels unter uns Oma und Opa nennen), mit Brot und Wurst-Übergabe ein Feierabend-Bier und dann wurde der Futon ausgerollt...Wir schliefen beide wie die Steine.


die Hand meines Vaters in meiner, oder umgekehrt?

   
  04/2004   |   nach oben    |   06/2004 >
  ©2004 Steffi Jüngling