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Megapolis Tokyo
Steffi Jüngling 
analog um die Welt
 
Reisetagebuch 12/2003 
 
 
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  3.12.2003  
 

Der Bus nach Tokyo fährt um Punkt 11:30 Uhr ab und auf einem Fernsehmonitor werden Sicherheitshinweise wie im Flugzeug gezeigt. Die Fahrt dauert dann endlos lange und anstatt bei der Einfahrt nach Tokyo die Stadt sehen zu können, wird der Bus über eingefriedete Autobahnen geleitet und ich fühle mich eher wie eine Kanalratte, die dann irgendwann am Hauptbahnhof vom Bus ausgesetzt wird.

Ich kämpfe mich zu meiner U-Bahnlinie durch, mit großen Augen und geschärftem Blick. Die meisten Stationen werden auch auf Englisch angezeigt, aber nicht auf jeder Anzeigetafel, so daß ich mit Argusaugen um mich blicke. Schließlich lande ich in meinem Ryokan, einem kleinen Haus, aus Lehm und Holz in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts gebaut. Man schläft in "Mehrbettzimmern" auf Futons und Tatamimatten.

Ich streife durch das nächtliche Asakusa und beschließe nach einstündiger Reizüberflutung in ein kleines, nahegelegenes Onsen zu gehen. Es liegt versteckt in einer kleinen Gasse und ich bin die einzige Langnase, die dezent beäugt wird. Deswegen wasche ich mich auch extra gründlich, bevor ich mich ins heiße Naß begebe. Als ich meine Hand ins Nachbarbecken stecke, zucke ich zurück: das andere Becken hat irgendeine Strommassage zu bieten, die allerdings von kaum jemandem genutzt bzw. genossen wird. Heisses Becken, kaltes Tauchbecken und wohlig warmes Becken werden abwechselnd mit mehreren Waschgängen auf kleinen Plastikhockern durchlaufen...bis der Körper durchgekocht ist.

  4.12.2003 nach oben 
 

Für heute steht eines meiner vielen "blind dates" für meinen Japanaufenthalt auf dem Programm;
Takemitsu und wir finden uns ohne Schwierigkeiten und verbringen einen abwechslungsreichen Tag. Da Takemitsu auch in Kassel gelebt hat, tauschen wir erst mal Neuigkeiten und Klatsch aus Kassel aus.

Mit dem Boot geht es nach Odeiba, einer Art Vergnügungsinsel, auf der eine verkleinerte Freiheitsstatue steht und neben einer Toyota-World gibt es einen "Venus Plaza", ein Einkaufszentrum, das hinter eine seltsamen Kulisse europäisierender Strassenzügen die in aller Welt vorhandenen Marken und Geschäfte bietet. Pseudo-italienische Strassennamen, Plätze mit italienisierten Skulpturenattrappen, passend zur Jahreszeit weihnachtlich mit Christbaumkugeln geschmückt. Ich bin überwältigt von soviel Unbedarftheit in der Anlehnung an ein Flair, das doch eigentlich nicht kopierbar ist und bekomme glatt ein wenig Heimweh nach Venedig.

Eine Sushi Bar führt mich quasi wieder zurück nach Japan und bietet die Grundlage, um in Ginza noch ein Bier zu trinken. Hier fällt auf, was meinen ganzen Tokyobesuch prägt: die Aufmerksamkeit der Kaukasier, Lagnasen gegenüber anderen Langnasen. Wenn man nicht angesprochen wird, so wird man doch wahrgenommen. Nicht selten sprechen andere Langnasen einen an, ob man Hilfe braucht, nur weil man gerade eine Anzeigentafel studiert und dann werden Meishi, also Visitenkarten getauscht. Man sagt ja den Japanern nach, dass sie, wo sie gehen und stehen ihre Visitenkarten verteilen, aber die Ausländer in Japan übernhemen diese Sitte mit Vergnügen und eigentlich größerer Leidenschaft als die Japaner.

  5.12.2003  nach oben 
 

Die thüringische Kultusministerin spricht beim Daad über Bildungspolitik und danach gibt es ein Buffet. Vom Wein sind alle schnell beseelt und während die Japaner die Veranstaltung bereits verlassen haben, feiern die Deustchen bis das Licht ausgemacht wird, was allerdings geschieht, bevor die letzte U-Bahn fährt.
Die Japaner fühlen sich in der Bahn übrigens derart zuhause, dass sie dort vor allem schlafen..

  6.12.2003 nach oben 
 


Ueno Park (oben)

Ich war skeptisch gewesen. Die Bekannte einer Bekannten einer Freundin aus Griechenland ist mit einem Residency Programm in Japan und wir wollten uns am Abend in einer kleinen Bar treffen, in der verschiedene Künstler ihres Programmes Videos zeigen würden. Die Adresse sah eher aus wie der Code eines Zahlenschlosses und die Intensität, mit der der U-Bahnangestellte meinen Zettel und seine Straßen-Karte betrachtete liessen mich gedanklich einen Plan B für den Abend zusammenstellen, aber ich fand die 100Yen Bar und Lea.

Zurück im internationalen Kunstkontext, der ein feines Spinnennetz über Grenzen hinweg webt und in der man wiederum Bekannte von Bekannten kennt.

  7.12.2003 nach oben 
 

Apropos internationaler Kunstkontext. Für heute beschloss ich wegen des ausnehmend guten Wetters nach Roppongi Hills zu fahren und mir das neue Mori Art Museum anzusehen, ein Hoffnungsträger, da in schlechten Witschaftszeiten geplant und ausgeführt ist dieses neueste Großmuseum Tokyos eine Art Kunst und Aussichtspunkt für jedes Alter.

Beim Verlassen der U-Bahn, steht man zwischen Hochhausriesen (ja, so stellt man sich Tokyo vor) und trifft auf bekanntes Kunst: Louise Bourgeois' Spinnenskulptur wirkt trotz ihrer Größe klein zwischen den Türmen und man fühlt sich seltsam verbrüdert mit dem Spinnentier.

Wenn man das Museum besuchen möchte, bezahlt man gleichzeitig für die Aussicht von Stockwerk 52; aber auch die, die nur die Aussicht bewundern möchten, zahlen mit der Karte den Eintritt ins Museum. Die Aussicht ist wirklich gigantisch und ich bedaure einen Augenblick lang, dass ich noch die Karte für das Sky Deck, zwei Stockwerke weiter oben, auf dem Dach des Wolkenkratzers gekauft habe. Aber es ist dann doch noch etwas anderes, draussen, unter freiem Himmel, open air auf dem Plateau zu stehen, bewacht von zwei uniformierten Japanern, die jeden Schritt überwachen.

In der Mitte ist ein Hubschrauberlandeplatz und drumherum führt eine Art Holzweg. Das Museum zeigt eine Ausstellung, die mit "Happinessa guide for art and life" betitelt ist und eine interessante Mischung aus traditioneller asiatischer und moderner Kunst bietet, es ist also für jeden Besucher etwas dabei, alles gut bewacht, was zum Teil zu grotesken Situationen führt.
In der Eingangshalle befindet sich eine Arbeit "ladder to heaven", eine Leiter ganz aus Federn, die die Besucher natürlich nicht berühren sollen. Aber um das sicherzustellen wurde ein uniformierter Wärter hinter die Installation, die vom Boden bis zur vielleicht 10 m hohen Decke reicht gestellt. Sein Kopf befindet sich genau hinter einem Leiterzwischenraum, durch den er die Besucher beobachtet. Aber vielleicht ist das ja auch ein konzeptioneller Teil der Installation und bedeutet, dass man die Leiter zum Himmel, selbst wenn man sie gefunden hat, nicht so ohne wieteres benutzen kann?

Nachmittags stand ein anderes "blind date" auf dem Programm: wieder Freunde von Freunden, Maki und James...Vertrautheit in der "Fremde" und Verabredungen für das nächste mal. Wieder zurück in meiner Unterkunft war ich bereit für ein heißes Bad und danach Fernsehen. Ich ließ den Abend dann mit Erin Brokovic und einem Bier ausklingen.

  8.12.2003 nach oben 
 


Passing Mr. Fuji

Der Bus setzte mich auf dem Highway Busstop Toyotas ab und ich wurde von Sogabe-san, dem Assistenten von Prof. Kohmura, bei dem ich als Researcherin unter die Fittiche genommen werde in Empfang genommen (wieder ein "blind date"). Sogabe-san ist einer der größten Japaner, die ich bisher getroffen habe und überragt mich um einen Kopf.

  9.12.2003 nach oben 
 

Morgens besichtige ich erst einmal die Uni und lerne Prof. Kohmura kennen. Er ist ein symphatischer, älterer Herr mit verschmitzen Augen, der, als ich komme gerade ein Video ansieht, das aufgenommen wurde, als er mit seinen Studenten zum Bunji-Junping ging und wir sahen uns seinen Jump an.

Als wir über meine Arbeitsvorhaben sprachen, zog er erst einmal aus seinem Regal das Buch von Borges mit der Geschichte "La Biblioteca di Babel" ...später besuchten wir die Unibibliothek, um zu sehen, ob sie für mein Projekt geeignet wäre. Und: sie war mehr als geeignet. Ich habe ja einen etwas kniffligen Satz ("In dem einen kann man im Stehen schlafen und in dem anderen seine Notdurft verrichten") nicht in Russland anbringen können ...aber: was sah ich in der Bibliothek? Unzählige Studenten schliefen auf den Stühlen, in den Sesseln zum Videosehen, oder mit dem Kopf auf den Tischen! Und mit einem Prof. Kohmura an der Seite können Bedenken der Bibliotheksleiter natürlich viel leichter aus dem Weg geräumt werden.

Ein anderes Problem stellt allerdings meine Unterkunft dar. Als Ausländerin eine Wohnung zu mieten ist nicht unbedingt einfach, vor allem, wenn es um einen kürzeren Zeitraum als ein Jahr geht. Es gibt kaum Wohngemeinschaften, und das einzige, was mir zunächst angeboten werden konnte, waren "weekly" oder "monthly mansions", also von Maklern angebotene Wohnungen, die voll eingerichtet eigentlich auf die Ausländer ausgerichtet sind, die nur zum Arbeiten und das mit hochbezahlten Jobs nach Toyota kommen...

  11.12.2003 nach oben 
 

Abends war kochen mit Prof Kohmura, seiner Assistentin Momoko und einem anderen Studenten angesagt. Aber es war ein Unternehmen mit Hindernissen. Wir kauften in mehreren Supermärkten auf dem Weg zur Wohnung des Professors ein, was für mich einige Überraschungen bot.

Es gibt in Japan eine größere Gruppe von brasilianischen Japanern; nach dem 2.Weltkrieg waren viele Japaner wegen der schwierigen Lebensumstände in Japan nach Brasilien ausgewandert und später gab es dann eine Bewegung, in der die brasilianischen Japaner wieder zurück nach Japan kamen. Der Unterschied in der Mentalität ist natürlich groß und die Wiedereingliederung nicht immer einfach. So gibt es Supermärkte mit brasilianischen Lebensmitteln, Musik und einem deutlich anderem Flair als im restlichen Land; auf dem Ausländeramt gibt es mehr Informationen auf Brasilianisch/Portugiesisch als auf Englisch.

Als wir alles eingekauft hatten und losfahren wollten, fuhr der Student rückwärts auf eine Säule vor dem Supermarkt und mit einem Krach zerbarst die Scheibe in der hinteren Autotüre. Prof Kohmura zückte zunächst seine Kamera (reise nie mit Künstlern!), der fahrende Student wiederholte immer wieder "sumimasen", Entschuldigung ...das Essen musste also warten, die Polizei kam, das Glas wurde zusammengekehrt, die Lebensmittel aus dem Kofferraum geholt, das Glas aus dem Kofferraum entfernt und dann ging es endlich ans Kochen. Das zerborstene Glas wurde mit reichlich Sake begossen...

  12.12.2003 nach oben 
 

Tokyo hat mich wieder und ich habe fast das Gefühl, nachause zu kommen. Ich bringe meine Sachen schnell in mein Ryokan und ziehe mich um für die Weihnachtsfeier beim DAAD. Ich hatte ein gemütliches Beisammensein mit Glühwein und Stollen erwartet und war dementsprechend angezogen... aber nein, es war die Feierlichkeit zum 25 jährigen Bestehen des DAAD in Tokyo und ehemalige japanische Stipendiaten der Musik gaben Gesang, Geigenspiel und Klaviermusik zum besten. Ich war wie das gewohnte Islandpony gekleidet und unbestreitbar underdressed. Schließlich wurde geimeinsam Stille Nacht auf Japanisch gesungen ...ich geb den Text hier mal wieder, falls jemand seinen Verwandten diese Weihnacht die Zunge brechen möchte:

Kiyoshi Konoyoru
Hoshiwa Hikari
Sukuino Mikowa
Mabuneno Nakani
Nemuritanou
Itoyasuku

Tja und für den weiteren Abend kann ich nur sagen: unverhofft kommt oft. Eigentlich wollte ich nur noch ein Bier trinken gehen, nach der Weihnachtsfeier, dann war aber die Gruppe zu groß, um eine Kneipe für alle zu finden und ich dachte, ok, dann trage ich zum Findungsprozeß bei und trinke mein Bier zuhause im Ryokan. Jemand anderes ging es ähnlich, aber auf dem Weg zur U-Bahn kamen wir an den Kneipen vorbei, in denen vorher nicht genügend Platz für alle gewesen war, aber zu zweit war das natürlich eine andere Sache und so gingen wir noch ein Bier trinken, aus einem wurden zwei, wobei mein Gesprächspartner das seine nicht in die Kehle laufen lies, sondern über den Tisch und während wir plaudernd auf das Ersatzbier warteten, fuhr uns die letzte Bahn davon. Wir waren gemütlich zur Station geschlendert und standen vor verschlossenen Türen.
Was tun? Wir spazierten also nach Roppongi, zur nächsten Kneipe und tranken ein weiteres Bier und stellten uns auf eine gemeinsame durchzumachende Nacht ein.

Ja, Roppongi ist ein Erlebnis. Kino ist mit etwa umgerechneten 15 bis 19 Euro verhältnismäßig teuer in Japan, aber eine Art Gruselkabintett kann man ja eh billiger in Roppongi haben. Man sieht vor allem Langnasen in allen alkoholisierten Graden und Färbungen; und die Auswirkungen ihrer Exzesse säumen die Wege...
Die Langnasen sind meist in Begleitung von hübschen, kleinen Asiatinnen und ich war ganz froh eine große Germanin zu sein...

Die erste Bahn fuhr um 5.17 und ich freute mich auf mein Bett. Schlafen bis zum geht nicht mehr nahm ich mir vor. In meinem Tatamizimmer waren wir zu dritt und ich legte mich schlafen als der Morgen dämmerte... um zwei Stunden später von einem ohrenbetäubenden Geschnarche aufgeweckt zu werden! Mannomann, dachte ich, das muss ein Walroß sein, bei dem Klang! Und als ich die Augen aufmachte und zur Seite sah, musste ich feststellen, dass während ich geschlafen hatte, wirklich eine Art menschliches Walroßes ins Zimmer gekommen war! Ein riesiger Ami, der wie ein gestrandeter Wal neben mir lag! Als ich auf die Toilette ging, sah ich, dass sein Kopf kahlgeschoren war und er einen Schnauzbart trug...die männliche Variante von Antje dem Walroß des NDR!

  13.12.2003 nach oben 
 

Diese Nacht war also nach zwei Stunden vorbei. Ok, dachte ich, zog mich an und wanderte wie durch einen Schleier durch die Stadt. Kunst gucken und kaiserlicher Garten mit Picknick waren die richtige Mischung für diesen wunderschönen Tag, den ich aber nur in leicht verschleiertem Zusatand genießen konnte.

Für abends war ich verabredet und dachte, ok, ein Bier trinken und dann schlafen gehen und hielt mich eh nicht für mehr fähig nach der durchzechten kurzen Nacht. Aus dem Bier wurden dann aber zwei, drei und ich dachte nicht an die letzte U-Bahn, denn ich war ja in meinem Stadtteil Asakusa, ganz in der Nähe meines Ryokan... diesmal verpasste aber mein Begleiter seine Bahn... und so schlugen wir uns die Nacht fröhlich um die Ohren.

Der Körper gewöhnt sich übrigens schnell an nächtliche Aktivität und wir spazierten durchs nächtliche Tokyo, bis ich morgens wieder in mein Walroßgehege zurückkehrte.

  14.12.2003 nach oben 
 

Nach einer langen Nacht im Bus komme ich im Morgengrauen in Yamagata an, und freue mich über die Berge, die die Stadt umgeben und mich quasi willkommen heissen.

Nachmittags geht es nach Asahimachi, ein kleines Dorf im Apfelanbaugebiet, wo es ein kleines Apfelonsen gibt. Man sitzt also im warmen Nass, mit wunderschönem Blick auf die Berglandschaft und neben einem schwimmen Äpfel im Wasser, was der Situation einen leicht surrealen Touch gibt.

  20.11.2003 nach oben
 

Es hat über Nacht geschneit! Dicke Flocken schweben durch den Himmel und man tut, was man tun muss: ins Onsen gehen! Diesmal aber ohne Äpfel im Wasser. Dafür wanderten wir 20 Minuten durch Schnee, der uns bis an die (europäischen) Oberschenkel reichte, bevor wir uns im heissen Nass aalen und dazwischen immer wieder im Schnee abkühlen konnten.



  22.12.2003 nach oben 
 


Royal Milk Tea

Morgens brach ich in winterlicher Kälte und bei Regen in Yamagata nach Sendai auf, mit einem schnell noch zusätzlich eingepacktem Pullover. Ich zog mir noch einen heissen Tee mit Milch und gezuckert aus einer der in Japan allgegenwärtigen Getränkeautomaten und nach einer Stunde Fahrt kam ich dann im Sonnenschein in Sendai an und beschloß, doch noch heute weiter nach Matsushima Bay zu fahren.

Matsushima Bay, ist eine der drei Landschafts-Sehenswürdigkeiten Japans und eine Art japanisches Bilderbuchinselreich. Und es ist auch wirklich wunderschön...unzählige kleine Inseln, mit Bäumen bewachsen, zum Teil mit roten Brücken mit dem Festland verbunden sind besondere Orte. In den weichen Kalkstein wurden Höhlen und Gedenktafeln gehauen und trotz der meist japanischen Touristen und der Souvenirstände ist dem Ort ein Zauber geblieben. Ein alter Tempel mit zum Teil goldbemalten Wänden beeindruckt mit einer für uns Europäer ungewohnten Klarheit...

Abends fuhr ich dann wieder vollgestopft mit Eindrücken zurück nach Sendai, wo ich in der Jugendherberge schlafen wollte. Die Jugendherberge befindet sich etwas ausserhalb vom Zentrum in einem Wohngebiet und ist eine Oase. Ich hatte ein Tatami-Zimmer mit Fernseher für mich alleine und natürlich gab es ein japanisches Bad, in dem ich mich etwas aufweichte.

  23.12.2003 nach oben 
 

Für heute standen die neue Mediathek in Sendai, das Schloß und die festliche Beleuchtung der Alleen in der Stadt auf dem Programm. Die Mediathek ist ein moderner Glaskasten, 2001 von dem Architekten Toyo Ito erbaut, bzw. fertiggestellt und es ist ein wirklich eindrucksvolles Gebäude. Mehrere Stahlsäulen durchdringen das ganze Gebäude und alle Wände sind aus Glas. Mehrere Bibliotheken befinden sich in dem ansprechenden Würfel, Ausstellungsräume, ein Cafe, ein Buchladen... und das Gebäude wird von einer bunten Mischung an Leuten genutzt.

Ich beschloss am Abend noch einmal wiederzukommen und machte mich auf den Weg zum Schloß. Nach einem halbstündigen Aufstieg stand ich auf einer Befestigung, zwar mit netter Aussicht auf die Stadt - OHNE Burg, da diese....zerstört worden war. Also, ein bischen enttäuschend war das schon.

Ich machte mich wieder auf den Weg zur Mediathek, von wo aus ich die Illuminierung der Allee besichtigen wollte. In der fremdsprachlichen Abteilung der Bibliotehk entdeckte ich sämtliche Harry Potter Bände auf Deutsch und begann den nächsten Potter Band zu lesen... und vergass die Zeit.

Als es dunkel war ging ich in nebenan in einen Frisiersalon, der für den Weihnachtsvorabend liebevoll in ein Cafe umgewandelt worden war. Es gab Kaffee und Kuchen; um 17.30 wurde das Licht ausgeschaltet und einen Moment später schaltete sich draußen die Baumbeleuchtung an. Lichterketten wurden bis an die Astspitzen in den Bäumen angebracht und der Anblick war beeindruckend. Aber dann kamen noch 10 Japaner aus dem Nebenraum ins vorübergehende Cafe und begannen fröhliche, amerikanische Weihnachtslieder zu singen.
Was mir bereits den ganzen Tag in der Stadt besonders auffiel, war die japanische Verreinnahmung des Weihnachtsfestes. Fröhlich wurde eingekauft und an jeder Ecke fand ein kleines Spektakel, meist mit Gesang oder tanzenden Teenagern statt, keine Hetze oder Stress.

Als ich das Cafe verließ und auf die Strasse trat, hatte sich die Allee in eine Art Strassenfest verwandelt. An einer Stelle führte eine Gruppe Judoübungen auf, Chöre standen an mehreren Strassenecken und sangen, alles in allem eine fröhliche Stimmung, mit Kindern, die als Weihnachtsmänner verkleidet waren und bummelnden Paare, die sich am Weihnachtsabend in teuren Restaurants verwöhnen und angeblich den Abend oft mit einem Besuch in einem Love Hotel abschließen. Ich liess mich einfach mittragen vom Menschenstrom und landete irgendwann wieder glücklich in einem japanischen Bad.

  24.12.2003 nach oben 
 

Morgens fuhr ich wieder zurück nach Yamagata und abends gab es ein leckeres japanisches Essen bei Bauer Ito, das auch reichlich mit feinstem Sake begossen wurde. Also fröhliche Weihnachten.

  26.12.2003 nach oben 
 

Nach einer unkomfortablen Nacht im Bus komme ich VOR dem Morgengrauen wieder in Tokyo an. Fast meine ganze Habe ist bei mir und ich muss knapp eineinhalb Stunden durch Shinjuku irren bis ich einen Ort finde, wo ich einen Kaffee trinken kann. Sonst stolpert man überall über ein Macdonalds Restaurant, aber wenn man mal wirklich eines bräuchte...als ich schließlich eine Filiale entdecke befindet sich um die Ecke ein Starbucks Cafe, das mir dann doch angenehmer erscheint um die Zeit zu vertreiben und ich lese eine Stunde bis ich meinen Schlüssel für mein Zimmer, das eigentlich nur ein Bett in einem Schlafsaal eines Gayjin Hauses ist abholen kann.

Als ich dann in dem Gayjin Haus ankomme, das mir eine andere Stipendiatin empfohlen habe, bekomme ich einen Schock. Ich habe ja bereits einige WGs gesehen und miterlebt, aber der Zustand, der mich in meiner 14 Tages-WG erwartete war wirklich unglaublich. Ich ging erst mal duschen und beschloß dann erst mal einen Buch- oder Schreibwarenladen zur Beruhigung aufzusuchen. Es wirkte und als ich wieder zurückkam war auch gerade eine Putzkollonne da, um wenigstens oberflächlich sauber zu machen. Ok, ich hatte gehofft, dort etwas zur Ruhe und auch zum Arbeiten zu kommen, aber so würde ich wohl eher ein Starbucks Cafe als Büro nutzen müssen und nur zum Schlafen und abends etwas fernsehen im Gayjin-Haus sein.

  28.12.2003 nach oben 
 

Der sonntägliche Spaziergang nach Harajuku ist eine Art Pilgerweg für die japanischen Teens, meist Mädchen, um gesehen zu werden. Schrille Outfits und ungewöhnliche Kombinationen werden zur Schau getragen, um bewundert und fotografiert zu werden; letzteres ist besonders beliebt bei den langnasigen Touristen.

Eigentlich wollte ich ja ein Mueum besuchen, das aber, wie sich herausstellte jeden Monat ab dem 27. bis zum Monatsanfang geschlossen bleibt... Ach ja und in Harajuku fand ich auch einen exklusiven Monchichi Laden, wo gerade der dreissigste Geburtstag der kleinen Plüschaffen gefeiert wird.


Augenweide

   
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