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Sensucht nach Wind und Sturm

Steffi Jüngling 
analog um die Welt
 
Reisetagebuch 08/2004 
 
 
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  1.8.2004  
 

Ich weiss nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Bin unruhig und aufgeregt, wegen all den Dingen, die in den kommenden Wochen anstehen, besonders der Ausstellungsaufbau in der Bibliothek des Goethe Instituts.Die Zeit bevor die eigentliche Arbeit beginnt ist immer aufreibend, wird es klappen? Wie wird es aussehen? Ich bereite vor, was ich vorbereiten kann. In einer Woche hat die Bibliothek Urlaub und ich kann mit meiner Arbeit beginnen.

Daneben nimmt das Love-Hotel Projekt Formen an. Unerwarteterweise und mit der engagierten Hilfe von Izumi. In einer Woche haben wir einen Termin mit einem Love Hotel, dessen Manager meinte, 'they would be delighted to host the project'. Ich kanns nicht glauben, und dämpfe meine Erwartungen. Abwarten.

  2.8.2004 nach oben 
 

Bei der Besprechung über das Faltblatt für die Ausstellung in der Bibliothek des Goethe Inastituts überkommt mich eine kurze Panik. Das Faltblatt ist super und ich denke, na hoffentlich wird das Faltblatt nicht besser als die Installation... so Momente...

  6.8.2004 nach oben 
 

Heute stand der Besuch im Love Hotel auf dem Programm. Izumi und ich waren aufgeregt und neugierig, was würde uns erwarten und wer?

Der Besitzer des Love Hotel sieht aus, wie ein Italiener und in einem italienische Film aus den 60er Jahren würde man ihn nicht für einen Japaner halten. Er ist offen, fühlt uns aber auf den Zahn. Was wollen wir, was sind unsere Motive? Ich komme mir vor, wie ein Schulkind, das mit der älteren Schwester beim Direktor sitzt, um irgendeinen Patzer zu besprechen. Ich bin still, versuche nett auszusehen und schnappe ab und zu Fragmente der Unterhaltung auf. Schließlich löst sich die Unterhaltung, wird wieder familiärer. Wir haben die Prüfung bestanden.

Der Manager des Hotels, ein netter Typ in Izumis und meinen Alter wird sich um uns und um das Projekt kümmern. Wir verabreden uns für in einer Woche und jeder bekommt ein paar Hausaufgaben. Es hat geklappt!

Das Love-Hotel Projekt wird im September statt finden. Und Izumi bietet an, dass wir dazu eine Ausstellung in ef Galerie machen. Im Geiste kremple ich meine Ärmel hoch. Abends sehe ich mir mit der WG 'sex and the city', passenderweise. Dachte ich, aber es war eine der letzten Staffeln. Ohne Sex, nur mit den vier frustrierte Mädels, die auch nur festsellen können, dass heutzutage Liebesoder auch nur ein Flirt schwerer zu finden ist als eine Stecknadel im Heuhaufen. Das ist in NY nicht anders als in Tokyo. Und sowas sieht man sich zur Unterhaltung an...

  8.8.2004 nach oben 
 


...entdecke ein kleines Venedig in Tokyo und habe sofort Heimweh...

Elba und ich wollten einen neuen Flohmarkt auschecken, aber wir fanden ihn trotz mehrerem Fragen nicht. Also machten wir uns auf nach Jiugaoka auf, wo sie ein japanisches Kissaten entdeckt hatte. Dort zeigte sie mir zuallererst einmal eine kleine Ecke 'Venedig', in einem Innenhof angelegt. Ich hatte keine Kamera dabei, nur mein Telefon... und war sprachlos.

Wir gingen aber nicht ins italienische Cafe, sonder ins japanische, wo ich einen Ice-Matcha trank, also kalten grünen Pudertee mit Eis. Schmeckt phantastisch.

Und gleich nebenan gabs einen Laden für Hunde T-Shirts. Nein, keine T-Shirts für Hundebesitzer, sondern für die Vierbeiner. Wir gingen ins Cafe, das wirklich sehr schön war. Tatamiräume mit Blick auf einen Innenhof. Wir bummelten noch ein wenig durch die Gegend und dann ging ich zurück an meinen Schreibtisch.

  9.8.2004 nach oben 
 

Endlich kann ich mit dem Aufbau in der Bibliothek des Goethe Instituts beginnen. Zunächst hing ich die Gestelle auf, an denen ich dann die Papierflieger befestigen würde. Es tut so gut, etwas Sichtbares zu tun.

Ich lese gerade chinesische Autoren, nach Ha Jin mit 'Waiting' ist jetzt Wei Hui mit 'Shanghai Baby' dran, neu reiche Chinesin auf der Suche nach dem Weg zum Erfolg... ist mir sehr fremd. Das erstere Buch spielte zur Zeit der Kulturrevolution und beschreibt gesellschaftliche Zwänge; es steht in krassem Gegensatz zum zweiten, dass eben die Regellosigkeit und Orientierungslosigkeit im kapitalistischen Shanghai beschreibt. Ferne Welt, wenn auch geografisch gerade ganz nah.

  12.8.2004 nach oben 
 

Auf dem Weg ins Goethe Institut flatterte eine Gruppe Italiener in meinen Waggon und redeten laut und wild gestikulierend. Ich nehme sie von meiner 'japanisch-dösenden' Subway-Haltung wahr und sehne mich ein wenig danach, mit ihnen zu schnattern.

Abends besuche ich zum ersten mal das Sento hier in Nakano. Das öffentliche Bad mit drei heissen Becken ist bis um 1 Uhr nachts geöffnet. Ich gehe kurz vor 12h und mit mir füllt sich das Bad mit den Bewohnern der Gegend. Wieder bin ich fasziniert von der Hingabe, mit der sich die Frauen waschen, schrubben und einseifen. Die wenigste Zeit verbringen sie im Wasser. Und auch ich nehme mir vor, das nächste mal mehr Accessoires mit zu bringen, um mithalten zu können.

Nach einer Stunde schlendere ich glattpoliert und porenfrei gereinigt wieder nachause. Meine Glieder baumeln entspannt gen Furon und ich wünsche den Katzen am Wegesrand gute Nacht.

  13.8.2004 nach oben 
 

Ich wache in der Hitze des Zimmers auf und in den ersten Momenten kann ich noch die Auswirkungen des nächtlichen Bades an der Weicheit meiner Haut spüren. Im japanischen Onsen und danach kann man spüren, dass die Haut ein Organ ist und sich über den ganzen Körper zieht. Sobald ich mich jedoch bewege und aufstehe, beginne ich wieder zu schwitzen und während ich am Schreibtisch sitze und meinen Morgenkaffee trinke, kann ich beobachten, wie sich die Schweissperlen bilden. Manchmal sehe ich sie sogar an den Fingern, besonders neben den Nägeln, kleine Perlen.

Zunächst wird an der Webseite für das Love-Hotel Projekt gebastelt. Dann muss ich los. Izumi und ich werden uns heute wieder mit dem Hotelmanager treffen.

Dort werden wir freudig empfangen. Der italienisch anmutende Hotelbesitzer hat wenig Zeit, muss zu einem Termin, aber geniesst sichtlich die Unterhaltung mit uns. Er zeigt uns einen Artikel über das Hotel. Auf einem Foto ist ein Gegenstand abgebildet, für den ich in keiner meiner Gehirnwindungen eine Verwendung finden kann. Ich frage. Der Besitzer weisst den Manager an, einen Katalog heraus zu suchen. Der Manager ist etwas verlegen, aber der Besitzer sagt, doch doch, die beiden sind neugierig, denen kann man sowas zeigen...

Vor uns auf dem Tisch landete ein Katalog mit Sexzubehören, aber in welcher Fülle, 200 Seiten mit Dildos in allen Farben und Formen. Der undefinierbare Gegenstand ist ein Badehocker, aber eben nicht mit einer runden Sitzfläche, sondern mit zwei halben Sitzflächen und dazwichen ein Leer-Raum für 'Eingriffe'. Der Besitzer verabschiedet sich und der Manager will uns endlich uns ein paar Hotelzimmer zeigen. Wir sind neugierig. Die Zimmer sind nett mit herrlich großen Bädern. Das Fenster zum Bad ist toll ...und dann gibt es eine Rohrpost für die Bezahlung. Der Manager bestellt für uns eine Kapsel, die dann irgendwie auch an einen Dildo erinnert.

Abends komme ich wieder zurück in meinen Backofen. Es ist ein Jahrhundertsommer, heute ist der 38. Tag über dreissig Grad und ich fühle mich fast 'gar'. Ich arbeite noch ein wenig an Bildern für die Webseite und dann wird der Tag mit einem Gibli Film abgerundet, 'Mein Nachbar Totoro'. Bin wieder mal bezaubert von den Animationen und der liebevollen Darstellung und der ungewöhnlichen Erzählweise, die überrascht. Eine wunderbare Gute-Nacht Geschichte.

  14.8.2004 nach oben 
 

Ich wache auf, weil ich etwas fröstle. Es regnet. Ich denke an meinen Fliespullover und schmunzle, denn mein Körper hat sich bereits so an die Hitze gewöhnt, dass ein paar Grade Abkühlung mich bereits frösteln lassen.

Ich decke mich mit einem Laken zu und geniesse die kühle Hautoberfläche und mache den Computer an, um den Tag im Bett mit der langen Nacht des Deutschlandradio über europäische Berichte aus der neuen Welt zu beginnen. Auch der Kaffee schmeckt einfach besser, wenn es etwas kühler ist. Dann mache ich mich auf ins nationale Filmkino, wo ich mir erst eine Ausstellung mit den Figuren eines Trickfilmers aus den 60er Jahren ansehen möchte und später mit Shigeru, Kousuke einen Trickfilm sehen möchte, bevor wir uns mit Masayuki und seiner Freundin zum Grillen in Masayukis Atelier treffen.

Die Ausstellung war nett, die Trickfilme teils etwas psychedelic und sonst tief blickend; die Geschichte von Adam und Eva und dann eine Geschichte eines Schiffbruchs. Drei Männer und eine Frau überleben, die Männer schlagen sich wegen der Frau die Köppe ein und die Frau wird dann zur Meerjungfrau und reist mit einem Wal durch die Weltmeere...

Masayukis Atelier ist phantastisch und wir grillten alles mögliche... es war traumhaft und ich konnte mir eine Bratwurst in ein Stück Weissbrot einzwicken und mit Senf bestreichen... Ja, so schnell ist man manchmal glücklich zu machen.

   
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  ©2004 Steffi Jüngling