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Steffi Jüngling 
analog um die Welt
 
Reisetagebuch 03/2004 
 
 
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  1.3. bis 10.3.2004  
 

Im Osten nichts neues, könnte ich schreiben.

Mein Leben plätschert mal auf mehr und mal weniger angenehme Weise dahin, ich habe mein Video fertiggestellt und grüble gerade über Papierkram für weitere Arbeiten und so etwas wie Zukunft, sowie den Planungen für den kommenden Trip zum Biwa-See von wo aus es dann weiter gen Süden, nach Hiroshima und nach Kyushu/Nagasaki gehen wird.

Ich lese und male in den unsichtbaren Städten von Italo Calvino.

Meine Videoreihe habe ich fortgesetzt, wobei klar ist, dass man sich Ozu-Filme nicht auf dem Laptop ansehen kann. Bei all dem Alltag, den er zeigt, fällt es schwer sich bei dem kleinen Bildschirm auf seinen Alltag einzulassen. Das Ergebnis ist, dass man zu Ozu-Geräuschkulisse seinem eigenen Alltag nachgeht...ein interessanter Gedanke.
Habe Matrix noch mal angesehen und war begeistert und danach habe ich Matrix Reloaded angesehen und war abgetörnt.

  11.3.2004 nach oben 
 


Werbung für ein 'drug-store' im wahrsten Sinne des Wortes

Endlich ist wieder Bewegung angesagt und fröhlich machte ich mich auf den Weg nach Hikone, wo ich eine Klangkünstlerin besuchen wollte, die an der Chukyo Universität unterrichtet.

Yuko holte mich vom Bahnhof ab und es war als würden wir uns bereits ewig kennen. Abends sahen wir uns einen Ozu Film aus ihrer Sammlung an und diesmal bekam ich die wichtigen Stellen übersetzt. Ja, auch wenn nicht allzu viel geredet wird, muss man doch ein bißchen verstehen, worum es geht. Und bei Ozu geht es meistens um einen alleinstehenden Vater, dessen Frau gestorben ist und der eine Tochter hat, die sich um ihn kümmert. Irgendwann machen ihn Freunde darauf aufmerksam, dass er doch seine Tochter verheiraten muss, sonst würde sie das traurige Leben einer alleinstehenden Frau führen, deren Lebensinhalt der Vater ist... ja, und dann wird ein Bräutigam gesucht, der im Film aber bezeichnenderweise nicht gezeigt wird und am Schluß steht, laut Yuko und ihrem Freund Hiromichi immer eine Hochzeit.
Na, darauf tranken wir dann erst mal einen, zwei, drei bis in die Morgenstunden...

  12.3.2004 nach oben 
 

Nach der frühen Nacht war erst mal ausschlafen angesagt und dann besuchten wir im Schlossmuseum Hina Puppen, deren nächtliche Aktivitäten Gegenstand einer ganzen Reihe von Gespenster-geschichten sein sollen.

Zum Abschluß des Trödel-Tages war dann Kino angesagt, der lang-ersehnte dritte Teil von 'Lord of the ring'. Also, Ich war begeistert, Yuko auch und wir beschlossen gleich irgendwann ein Herr-der-Ringe-Wochenende zu veranstalten, wo wir alle drei Filme sehen wollten, gut vorbereitet mit allerlei Proviant für die aufregende Reise.

  13.3.2004 nach oben 
 

Mit dem Shinkansen ging es nach Kobe, wo wir Mariko trafen und gemeinsam weiter gen Süden nach Hiroshima fuhren.

Drei Künstlerinnen ausgerüstet mit drei Videokameras... man hätte einen Film über uns drehen können, aber wir hatten Spass und ich lernte mal wieder die japanische Ader für gutes Essen kennen. Mariko und Yuko waren bestens vorbereitet mit zwei Reiseführern und bereits im Zug hatten sie ausgesucht, was wir essen würden und wo.

Gleich nach der Ankunft suchten wir eine kleine unscheinbar aus-sehende Nudelküche auf, in der wir kalte Nudeln mit scharfer Soße aßen. Ja, das klingt nicht sehr aufregend, aber... ist wirklich super-köstlich gewesen... Beim Herumlaufen stießen wir auf ein altes Cafe aus den 50er Jahren mit dem verheissungsvollen Namen Pearl und beschlossen dort am nächsten Tag unseren Ausflug abzuschließen.

Aber erst war Kunst angesagt: die Yoko Ono Ausstellung. Ihre poetischen Arbeiten standen im Kontrast zu dem sauberen, eher klinischen Museumskomplex. Natürlich waren alle Erläuterungen mal wieder nur auf Japanisch angegeben ...eine Art Diskriminierung.

Angeregt wandernden wir ins Hotel und dann standen Austern auf dem Programm. Hiroshima ist bekannt für vielzählige Austerngerichte und wir schlemmten ...wie, ja... ich glaube, das Sprichwort muss umgeschrieben werden, leben wie Gott in Japan und nicht Frankreich- also: KAMPAI!

  14.3.2004 nach oben 
 

Miyajima ist eine der Top-Sehenswürdigkeiten in Japan, das berühmte Tor, das im Meer steht, oder im Schlamm der Meeres bei Ebbe. Eine Stunde Fahrtzeit von Hiroshima aus, dann 15 Minuten mit der Fähre und man ist da.

An der Anlegestelle kommen den Besuchern zahme Rehe entgegen, manche sehen allerdings etwas ranzig aus und ich konnte die ständigen 'kawai'-süüüßßß Ausrufe der Japaner nicht so ganz nachvollziehen... man bewegt sich im Strom Richtung Schrein, wo alle Besucher eine hochzeitliche Fotosession betrachten konnten.

Danach zogen wir durch die touristischen Gassen und meine japanischen Gourmet-Guides beschlossen, dass es Zeit sei für ein paar gegrillte Austern... bereits am Vorabend war ja jede Skepsis gegenüber den beschalten Meeresbewohnern aus dem Weg geräumt worden... und heute bestätigte sich dann meine Veranlagung zum Luxus...


Austern

Aber satt wird man von den kleinen Dingern ja nicht und deswegen stand als nächstes, zurück in Hiroshima Okonomigiyake auf dem Programm, die andere Spezialität Hiroshimas. Wie kann man das beschreiben? Also übersetzt heisst das soviel wie: 'Koch, was du magst', oder was du hast... es ist eine Mischung aus Gemüse, Nudeln, Ei, Meeresfrüchten auf einer heissen Platte zu einem kleinen Berg geröstet und dann mit einer Sosse übergossen. Äusserst lecker und dazu ein Bier und die Welt ist in Ordnung. Könnte meinem Rezept: bei Sorgen- Kaffe und Kuchen fast Konkurrenz machen...

Derart gestärkt liefen wir zum Atomic Bomb Museum, dessen Haupt-ausstellung aber bereits geschlossen war und wir uns so nur den Ausstellungsbereich am Ende der Ausstellung ansehen konnten. Es reichte, war beeindruckend genug. Wir verliessen das Museum in den strahlenden Tag und liefen zum berühmten Peace Dome, über dem die Atombombe explodiert war. Dieses Wahrzeichen Hiroshimas ist eine 'zu Tode gepflegte' Ruine, die wirkt wie eine seltsame Kulisse aus einem Filmset...

Ein letzter Kaffee im Kissaten Pearl und dann verabschiedeten wir uns, Yuko und Mariko fuhren zurück in den Norden und ich stieg in den nächsten Shinkansen in den Süden, nach Nagasaki. Dort kam ich müde bei Ayumi und ihrer Familie an, die mich erst einmal mit einem ausgiebigen Abendessen versorgte...

  15.3.2004 nach oben 
 

Beim Aufwachen hatte ich so ein Unwohlsein in der Magengegend (vgl. Menüs oben! Anm. des Webmasters).

Ich sah das Frühstück an wie Ausserirdische, dachte bei meinem positiven Gemüt, dass ich vielleicht einfach hungrig wäre. Denkste. Nach dem Frühstück ging ich erst mal eine Runde auf die Toilette, um das Frühstück wieder von mir zu geben. Ich zog mich zurück ins Bett, wo ich mehrere angenehme Stunden in seltsamen Träumen ver-brachte, um dann für ein bißchen Plaudern mit Ayumi aufzustehen. Nach einer Stunde zog es mich wieder in die Federn und ich fühlte mich wie eine gealterte Diva, die sich immer wieder geschwächt vom Reden zurückziehen muss. Wieder seltsame Träume, in denen ich vor allem Szenen aus dem Buch träumte, das ich gerade las. Leider war es nicht eine heisse Liebesgeschichte, sondern 'Waiting for the Barbarians' von Coetzee (empfehlenswert, wenn auch kein 'schönes' Buch). Naja, als ich dann um 21h mal wieder ins Leben auftauchte meinte Ayumi man sollte vielleicht doch mal Fieber bei mir messen...das Thermometer kletterte auf 38,9 und dann war klar, woher die Träume kamen...

Mittlerweile war ihr Vater von der Arbeit zurückgekommen, er ist ja Kinderarzt und ich zeigte ihm meinen Myasthenie Ausweis, ob er vielleicht was fiebersenkendes im Hause habe... ja und als ich mich kurz verabschiedete, um auf die Toilette zu gehen, verliessen mich die guten Geister und ich kippte aus den Latschen. Bumms. Ja, so benimmt man sich nicht als Gast.

Ich wurde umsorgt und der Herr des Hauses, beschloss kurzerhand ein Taxi zu bestellen und die kränkliche Ausländerin mal kurz unter die Lupe nehmen zu lassen. In eine Decke gehüllt saß ich mit Ayumi hinten im Taxi und kam mir so langsam wirklich krank vor. Im Krankenhaus saßen ein paar andere Ausländer in der Aufnahme und ich fragte mich schon, ob die Gayjins vielleicht gerade eine Krankheitswelle dahin-raffen würde. Zwei Ärzte begutachteten mich und meinen Myastehenie -Ausweis, sahen mir in den Mund, stellten ein paar Fragen; während ich mich auf einer Liege ausstreckte, berieten sie sich und meinten immer wieder 'Don't worry'! Ich hatte ja gar keine Kraft zum 'worry'.

Schliesslich wurde ich mit einem fiebersenkenden Mittel wieder nachause geschickt. Dort bekam ein Sportgetränk für meinen Mineralienhaushalt, ass einen Keks und kuschelte mich glücklich ins Bett. Endlich wieder horizontal!

  16.3.2004 nach oben 
 

Ich wachte ohne Fieber, aber ziemlich schwächlich auf. Das Leben hatte mich wieder, aber noch nicht ganz. Ich betrachtete alles Essbare zunächst einmal interessiert wie der Kenner erkrankte Zuchtrosen.

Ich verbrachte den Tag mit etwas Essen, Quatschen mit Ayumi und Schlafen. Abends traute ich mich dann zu einem Spaziergang aus dem Haus und Ayumis Familie beschloß, dass ich soweit hergestellt war, mit ihnen Sushi essen zu gehen. Ich war ein bischen skeptisch, aber bevor ich mir Sushi durch die Lappen gehen lasse muß schon mehr passieren als eine Magengrippe am Vortag!

Mein Gaumen wurde dann mit Wal, Hai und allerlei anderen Meeres-bewohnern getestet- aber ich entpuppte mich wiedermal als der Allesfresser, als der ich bekannt bin. Alles war oishii, das Einzige, was meine Zunge wirklich iritierte war Namako, Seegurken, die sich irgendwie gegen das gekaut werden wehrten...

  17.3.2004 nach oben 
 

Auf ins Getümmel! Zurück ins Leben!

Ayumi und ich fuhren in die Stadt und ich wollte zuallererst nach Dejima, der künstlich extra für die Ausländer hergestellten Insel. Als die ersten Langnasen, Portugiesen und dann Holländer nach Japan kamen, beschlossen die Herrscher zwar Handel mit diesen Ausländern zu treiben, aber sie wollten sie doch kontrollierbar an einem Fleck wissen. Um sie besser im Auge behalten zu können, wurde ihnen eine künstlich geschaffene Insel zugewiesen, auf der sie ihre Handels-häuser errichten durften. Ausländischen Frauen war das Leben auf der Insel Dejima (auf dem Festland sowieso) übrigens verboten...

  18.3.2004 nach oben 
 

Nach einem ausführlichen Frühstück machten wir uns auf den Weg in das Siebold Museum, das in einem Vorort von Nagasaki liegt. Siebold war als Arzt zu großem Ansehen in Nagasaki und ganz Japan gelangt und obwohl er auch auf Dejima wohnen musste, so konnte er doch ein Krankenhaus in Nagasaki eröffnen und japanische Ärzte in westlicher Heilkunst unterrichten. Sein Ansehen kam allerdings beträchtlich ins Schwanken, als er bei seiner Abreise verbotenerweise Landkarten und anderes Material mit an Bord geschmuggelt hatte...

Nachmittags ging ich dann ins Atomic Bomb Museum. Ich war gespannt, wie kann man einen Atombombenabwurf in einem Museum behandeln? Das Atomic-Bomb-Museum in Nagasaki war erst vor ein paar Jahren eröffnet worden und der Besucher begibt sich unter die Erde und wirklich in eine Art Hölle... das Gebäude ist eher unscheinbar und ragt in der Stadtlandschaft nicht heraus. Die Ausstellung ist zum Teil etwas zu inszeniert, beinahe theatralisch mit künstlichen Kulissen in denen echte Ausstellungsstücke unecht wirken, aber alles in allem sehr beeindruckend, mit Uhren, die zur Zeit der Detonation stehen geblieben sind und natürlich mit vielen Fotodokumenten und Augenzeugenberichten. Am Schluß der Ausstellung wird auf die atomare Bedrohung eingegangen und ich war überrascht Interviews aus Ostdeutschland vom Uran(?)Abbau zu sehen.


Der heilige Paul und die Autos


  19.3.2004 nach oben 
 

Die Tage in Nagasaki waren irgendwie viel zu schnell vergangen, ich hatte noch nicht Kastilla gegessen, eine Kuchenspezialität, die von den Portugiesen nach Nagasaki gebracht worden war... und überhaupt hatte mir diese hügelige Stadt sehr gut gefallen...

Aber weiter ging es, nach Kita Kyushu, wo die Freundin einer Freundin meiner Freundin Maria die Abschlußausstellung ihres Stipendiums in der Institution CCA hatte. Ich kam an der Haltestelle Yahata an und auf dem Umgebungsplan war kein CCA eingezeichnet. Aha. Also fragte ich den Schaffner am Bahnhof, aber der hatte auch keine Ahnung, holte aber sein Telefon, wählte und übergab mir den Hörer. Er hatte beim Internationalen Zentrum angerufen und ich fragte also wieder, diesmal auf Englisch, wo denn das CCA sei, das Center for Contemporary Art. Sie hatte keine Ahnung, fragte aber eine Kollegin und meinte dann, ich meine wohl ein Gebäude, das CCA heisse (nix da von wegen Kunst)... Na, ich war gespannt, wo ich denn nun landen würde, aber das Gebäude mit der Aufschrift CCA, war das CCA, das ich suchte. Da gibt es am Ende der Welt ein Zentrum für zeitgenössische Kunst und kein Mensch dort weiss, dass es existiert...Interessant.

Ich hatte Lea ja bereits in Tokyo getroffen und das Wiedersehen war herzlich, die Ausstellung war alles in allem nicht so aufregend, eher eine Art offenes Atelier, dafür waren die Leute nett und dann gab es am Abend noch eine Eröffnung mit einem Gastresearcher, einem Franzosen oder französischsprechenden Schweizer, der mit herrlich verführerischem Akzent tolle Ideen vortrug, seine Ausstellung war dagegen enttäuschend, aber es gab Bier und Häppchen und später Udon-Nudeln und Cocktails...Was will man mehr-

  20.3.2004 nach oben 
 

Am Vorabend bei der Ausstellung hatte ich einen Japaner aus Yamaguchi kennengelernt, der nächsten und letzten Station auf meiner Reise; wie in Japan üblich hatten wir unsere Meishis, Visitenkarten ausgetauscht und er meinte, wenn ich in Yamaguchi sei, sollte ich ihn anrufen.

Ich kam also an, suchte mir ein kleines Ryokan und dachte dann, ok, rufen wir mal an... Wir verabredeten uns für den Abend im Museum for Media Arts, um irgendwohin essen zu gehen. Das Musuem war phantastisch. Normalerweise sind so Medienbunker ja oft leer und abweisend. Dieses Zentrum in der absoluten Provinz ist ein wirkliches Zentrum, mit Restaurant, Bar, Ausstellungsfläche bis um 22.00h abends geöffnet und besucht; es hat auch eine Bibliothek, die zwar geschlossen war, als ich kam, aber die mir sofort als der absolut geeignete Ort für mein Babel Projekt erschien...

Nakano kam mit seiner Freundin und zu dritt fuhren wir erst mal zur nächtlich beleuchteten fünf-stöckigen Pagode, die ziemlich toll aussah. Auf dem Weg dorthin redeten wir ein wenig über alles mögliche und dass Nakano längere Zeit in Schottland war. Ja, wo denn, ach, das kennst Du wahrscheinlich nicht, na, vielleicht doch... Kurz und gut, er hatte 2-3 Jahre nach mir in der Behinderteneinrichtung in Aberdeen, Schottland gearbeitet. Ich bekam einen kleinen Schock, als ich feststellte, dass das 15 Jahre her ist und kam mir plötzlich steinalt und wie eine Schildkröte vor, aber nur kurz, schließlich war Essengehen angesagt; wir waren beide ein wenig baff, in Gedanken 15 Jahre zurück und fuhren, jeder seinen Erinerungen nachhängend zu einer netten kleinen Sushibar, wo einer kleiner netter Japaner herrliche Köstlichkeiten für uns zauberte.

  22.3.2004 nach oben 
 



  24.3.2004 nach oben 
 

In Toyota steht erst mal Chaosbeseitigung auf dem Programm. Ich werde mich ja in den kommenden Monaten in Tokyo einnisten und packte mal wieder meine Sachen, sortierte aus, was ich dringend brauchte und was erst mal in Toyota bleiben kann. Daneben half ich bei den englischen Übersetzungen von diversen Bewerbungen und reiste dann abends vollbepackt und von den vergangenen Abenden übernächtigt nach Nagoya, wo ich mich mit Andre und Yukie treffen wollte.

Yukie kochte leckeren Ramen, ein Nudelgericht in Brühe, das ursprünglich aus China stammt. Ich hatte mir wieder mal vergeblich vorgenommen, bald ins Bett zu gehen...

  25.3.2004 nach oben 
 

Um 1/2 3 war ich dann in die Federn gekommen und um 8 Uhr fuhr mein Bus nach Tokyo. Nachdem ich im Bus etwas von dem fehlenden Schlaf aufgeholt hatte schmökerte ich in der Biografie von Uno Chyo, die ich gerade lese. Vor allem ihr Buch 'Die Geschichte einer gewissen Frau' (absolut empfehlenswert!) hatte mich sehr begeistert und ihr Leben scheint auch eher Fiktion als Realität zu sein. Sie kam vom Lande, hatte 'ihr Glück (und Unglück)' in Tokyo gesucht und gefunden und mit ihrer bewegten Lebensgeschichte fühlte ich mich gut vorbereitet auf Megapolis. Und dann würde ich in Tokyo ja auch die Kirschblüte erleben! In Nagasaki hatte ich bereits mit Ayumi und ihren Eltern die täglichen Kirschblütennachrichten im Fernsehen verfolgt, die aufzeigen, in welchen Teilen des Landes die Blüte wie weit ist.

Am Bahnhof angekommen machte ich mich gleich auf den Weg, um mein neues zuhause und meinen Untervermieter kennenzulernen. Ich fühlte mich seltsamerweise sofort heimisch und beinahe 'vertraut', besonders als ich ein Poster mit einem venezianischen Löwen über dem Bett entdeckte, der meinen Schlaf und meine wiederkehrende Sehnsucht nach Venedig in den kommenden Wochen bewachen wird. Ich ließ meinen Koffer schon mal in der Wohnung und zog dann weiter zu Chihiro und Andreas, wo ich quasi adoptiertes Haustier bin und wir gemütlich unter/ an der Kotatsu über 'Gott und die Welt' redeten.

  26.3.2004 nach oben 
 

Bereits am Busbahnhof erkenne ich andere Deutsche, die auch zum Treffen des DAAD am Yamanakako See fahren. und als wir dort ankommen erlebe ich mein erstes wirkliches Erfolgserlebnis mit den chinesischen Zeichen in der japanischen Sprache, denn ich konnte mir den Namen des Sees nur schwer einprägen, als ich aber die Kanjis sah, die ich bereits gelernt hatte war klar, dass der See so etwa 'in den Bergen' heisst.

Auf dem Seminar trafen sich dann Deutsche und Japaner, die ein DAAD Stipemdium haben oder bald antreten werden, viele japanische Germanisten, ein Deutsche, der an einer Uni Raumfahrttourismus lehrt, Japanologen, eine Stammzellenforscherin, ein Musiker mit Spezialgebiet Mundharmonika... also eine bunte Mischung. Nach dem Ofuro, dem obligatorischen heissen Bad am Abend trafen wir uns in Zimmer 202, ein normales Gästezimmer zur Party. Es war ein bischen wie im Schullandheim.

  27.3.2004 nach oben 
 

Nach einem japanischen Frühstück nahmen wir einen Vortrag einer japanischen Tänzerin zu uns, die mit einem Stipendium in Deutschland Tanz studiert hatte. Sie meinte, die Japaner seien Meister in der Imitation, Reproduktion, aber Improvisieren habe sie in Deutschland gelernt.

Nach einem Mittagessen, das aus einer japanischen Portion Curryreis bestand (also gerade genug, um einen deutschen hohlen Zahn zu füllen...), sollten wir in Kleingruppen die Gegend erkunden und dabei diskutieren. Meine Gruppe erkundete vor allem. Wir liefen zum See und aus dem nicht ernst gemeinten Vorschlag, eine Runde mit dem Schwanschiff (ein Schiff in Schwanform) auf dem See zu fahren wurde eine Bootsfahrt.


Im Bauch des Schwans

Vom See aus hatte man einen herrlichen Blick auf den sonnen-beschienenen, schneebedeckten Fuji. Aber der Nachmittag sollte sich noch steigern, denn später gabs noch ein Bad im Freiluft-Onsen mit Blick auf den Fuji. Ein unvorstellbares Erlebnis.

Abends trafen wir uns wieder im Zimmer 202, zur Party und als mich einer der Japaner nach meiner künstlerischen Arbeit fragte, erzählte ich ihm von meiner Idee für ein Love Hotel. Er sah mich an und meinte, das sei interessant, aber vielleicht solle ich eher ein Buch über meine Idee schreiben; das fände er viel spannender. Ich war perplex; über die Idee zu schreiben hatte ich vor Jahren viel nachgedacht, allein schon aus meiner Lust an der Literatur; aber, ja aber ich habe eben nie mit dem Schreiben begonnen, zumindest nicht mit einem Schreiben, das über meine tagebuchartigen Auf-Zeichnungen hinausging. Manchmal sehe ich mich als alte Dame an einem Schreibtisch aus feinem Holz sitzen, aber eben als alte Dame (am Ende werde ich noch ein 'weirdo', wie Jack Nicholson in 'As good as it gets'...). Aber wer weiß, vielleicht hat Masanori da einen kleinen Samen gesetzt. Vor ein paar Jahren gewesen wollte ich ja ein Drehbuch für eine Soap Opera, die in einer Kunsthochschule spielt schreiben, und damit reich werden. Auf den Anstoß hin trank ich dann erst mal noch ein Bier. KAMPAI!

  28.3.2004 nach oben 
 

Ich wundere mich über die Flüchtigkeit der Tage und darüber, wie schnell Gesichter vertraut werden. Plötzlich saßen wir schon wieder im Bus zurück nach Tokyo und passierten wieder den unglaublichen Mount Fuji. Er ist wirklich sehr beeindruckend und majestätisch. Kleine Wolken umstrichen ihn wie Wattebäusche. Auf dem Weg zu Chihiro und Andreas besuchte ich noch ein Antiquariat für englische Literatur und deckte mich mit zwei kleinen Lehrbüchern zum Nahkampf mit der japanischen Sprache ein und einem Buch über japanische Schriftstellerinnen. Nach dem Essen führte mich Andreas ins Herz meines Computers, ins mir unbekannte Terminal.

  29.3.2004 nach oben 
 

Morgens fuhr ich dann in mein neues zuhause. Wenn man den Innenstadtbereich Tokyos verläßt, sind die meisten Schilder und Bahnanzeigen nur noch auf Japanisch und das heisst bei den Stationsnamen: in Kanji angegeben. Dann ist man wirklich im Reich der Zeichen und MUSS sich durchfragen, beim Ticketkauf, welches Gleis etc. Die einzelnen Bahnhöfe sind glücklicherweise auch in Hiragana angegeben, der Silbenschrift, die ich lesen kann, und manchmal auch in Romanji, also in römischem Alphabet.

Am Wochenende hatten wir viel über den Frust der Ausländer geredet, der das Erlernen der japanischen Sprache immer begleitet. Ich halte mich nicht für völlig unbegabt in fremden Sprachen, aber, aber... taihen desu. Es ist ein wenig wie Schattenboxen, immer wieder verflüchtigen sich bereits gelernte Vokabeln und ich glaube, dass man mindestens 3 Monate intensiv Japanisch lernen muss, also JEDEN Tag, um den Alltag zu meistern. Dann unterhält man sich allerdings noch nicht über irgendwas aufregendes. Um wirklich in Japan zu studieren muss man wahrscheinlich ein Jahr lang nur die Sprache lernen, also jeden Tag, mit Kurs und intensiven Hausaufgaben...

Ich bin nicht geübt im Ankommen für eine längere Zeit und musste mir in meinem neuen vier Wänden erst mal einen Kaffee kochen, mich hinsetzen und die Umgebung aufnehmen, während mein Gepäck schüchtern an der Türe wartete.. Meine Versuche in Japan sesshaft zu werden waren ja von einer gewissen 'Bindungsangst' begleitet, über die ich selbst ein wenig schmunzeln muss. Ich hatte mich so daran gewöhnt, in Bewegung und nicht festgelegt, verortet zu sein, dass ich jeden möglichen Wohnort betrachtete, als wäre er 'for now and forever'. Diesem prüfenden Blick können nicht allzu viele Umgebungen standhalten.

Und so zog ich wie eine Schnecke mit ihrem Häuschen von einem Ort zum andern...

Nach meinem verortenden Kaffee packte ich zuerst meine Schreibsachen aus und besetzte den Schreibtisch. Von dort kann ich über ein Dach hinweg die Spitzen einiger blühender Kirschbäume sehen und bei einem Windstoß werden mir einzelne, weiße Blütenblätter entgegengeweht.

Die Sonne scheint. Der Frühling ist da.

  30.3.2004 nach oben 
 

Eigentlich wollte ich einen Tag zuhause bleiben und nur am Schreibtisch und vielleicht zwischendurch mit einem Tee auf dem Dach (von wo aus ich in der Ferne den Fuji und Tokyo sehen kann) verbringen, aber mein unruhiger Geist trieb mich wiedermal in die Stadt, wo ich zum einen das Hanami Schauspiel, also die Kirschblüte betrachten, aber auch meine Emails checken wollte. Leider verbarg sich die Sonne heute hinter ein paar Wolken; ich wollte den Shinjuku Park besuchen und fiel quasi aus den Wolken als der Park Eintritt kostete. Nichtsdestotrotz stürmten die Massen in den Park, um die Kirschblüten zu bewundern. Hier wird auch schnell der Unterschied zwischen japanischen und deutschen Parkbesuchen bewußt: die Deutschen begeben sich nach draußen, um der frischen Luft und der Bewegung willen. Wie kann ich beschreiben, wie der Japaner den Park begeht?

Also besonders zur Kirschblüte hat jeder eine Kamera und sein fotografierendes Handy gezückt. So wird mit Stativen und ellenlangen Objektiven Pirsch auf gute Motive gemacht und die Blickwinkel der anderen Fotografen werden begutachtet. Vor allem aber wird langsam von Baum zu Baum gegangen, in der Hand ein Lageplan der Kirschbäume und man sieht sich die Blütenpracht aus der Nähe und Ferne an, diskutiert setzt sich unter einen Baum... zelebriert den Moment. Die eigentliche Grünfläche des Parks ist braun und erinnert an Tatamis. Das braune, stoppelige Gras riecht auch ein wenig nach Heu. Alle sind fröhlich und ausgelassen, eine wirklich wohltuende Stimmung.

  31.3.2004 nach oben 
 

Der venezianische Löwe über meinem Bett begrüßt mich jeden Morgen; sein Maul ist leicht geöffnet, als wolle er gleich mit dem Sprechen beginnen und mir etwas bedeutungsvolles mitteilen. Die Sonne scheint wieder und ich stehe energetisch auf... um nach dem Frühstück einen nun bewölkten Himmel zu sehen und verschreibe mir Japanisch lernen- ich will jetzt endlich die Katakanas KÖNNEN, das ist der Zeichensatz, der für die Fremdworte im Japanischen verwendet wird und der besonders bei Speisekarten hilfreich ist.

Ausserdem beginne ich langsam meine neuen Projekte anzugehen; künstlerische Projekte für Japan und für danach, mein heimisch werden in Tokyo ist ja immer auch von der Frage begleitet ist, wie es denn weitergehen soll im Herbst. Und wo.
Na, ich warte mal den Kuss der Muse ab- ich spüre ihn nahen und schreibe nebenbei ein paar Bewerbungen..

   
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  ©2004 Steffi Jüngling